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Thriller
Wer tötete Bambi?
geschrieben von klaus_h am 15. Nov 2006
Wer hat Angst vorm weißen Mann?
Hinter diesem einprägsamen, aber auch irreführenden Filmtitel steckt ein sehr französischer Thriller, der in seinen düsteren Momenten an "Kingdom Hospital" erinnert. Mit "Bambi" ist die hübsche Schwesternschülerin Isabelle gemeint, die aufgrund des Meniérschen-Syndroms, einer Erkrankung des Innenohrs, unter merkwürdigen Wahrnehmungsstörungen und Ohnmachtsanfällen leidet. Aber gerade dieses Handikap macht die aufgeweckte Frau empfänglich für andere Wahrnehmungsebenen. Denn im Krankenhaus geht ein mysteriöser Unbekannter um, der attraktive Patientinnen im Schlaf missbraucht und "verschwinden" lässt.
Wer tötete Bambi?
Frankreich - 2003
Veröffentlichung: 27.07.06
Regie: Gilles Marchand
Darsteller: Laurent Lucas, Sophie Quinton, Catherine Jacob u.a.
"Nochmal"-Faktor: mittel bis hoch
Unsere Wertung: 84%
FSK: ab 16
Laufzeit: 110 Min.
Sprachen und Tonformate: Deutsch / Französisch Dolby Digital 2.0
Bildformat: 16:9 (1,85:1)
Untertitel: Deutsch
Extras: ausführliche Filmographien von Marchand, Lucas, Quinton und ein Interview mit Quinton und Marchand im Zusammenhang mit der Filmpremiere, 21 Textseiten
Isabelle nimmt als lernbegierige Schwesternschülerin erstaunlicherweise mehr wahr als es ihre fast schon abgestumpften Kolleginnen tun: Die unheimliche Atmosphäre menschenleerer Korridore, die makellos weiß glänzen, konstrastieren zu den düsteren Katakomben unter dem Krankenhausen. Des nachts schleicht der nach außen hin charmante Neurochirurg Dr. Philippe (Lucas) wie ein Vampir durch die Gänge. Scheinbar nur um das Wohl seiner Patientinnen besorgt, führt er irgendetwas im Schilde.
So ändert es auch nichts an Isabelles Misstrauen, dass er es ist, der bei ihr die Krankheit feststellt und sie zur Operation schickt. Zu berechnend wirkt er in seinem ganzen Wesen. Doch da es sich hier nicht um eine anglo-amerikanische Version des Thrillers handelt, die dem "Whodunnit" huldigt, wird dem Zuschauer rasch der wahre Unhold enthüllt. Es ist tatsächlich Dr. Philippe.
Heimlich verdünnt er ein nach Diebstählen sichergestelltes Betäubungsmittel, um sich in Ruhe an den Patientinnen vergehen zu können. Wie er zunächst nur am Bett der Schlafenden steht, um "über sie zu wachen, sie zu beschützen", wie er selbst flüstert, erinnert sehr an das Dracula-Motiv. Doch in einer leider sehr zeitgemäßen und erschreckend stilsicher gefilmten Version zeigt man uns auch den Beginn der eigentlichen Tat oder das Beiseiteschafen der Leichen.
Wie jeder Wiederholungstäter wird auch er Fehler machen. Während alle anderen Angestellten des Krankenhauses trotz eines überraschenden Todesfalles und einer verschwundenen Asiatin jeden Vorwurf gegen den arrivierten Mediziner beiseite wischen, lässt sich Isabelle nicht beirren. Obwohl sie auch von Philippes Wesen unfreiwillig fasziniert ist, nimmt sie den ungleichen Kampf auf. Und gerade dieses mysteriöse psychologische Duell zwischen Täter und möglichem Opfer, das selbst der Jäger sein möchte, steht im Mittelpunkt dieser DVD.
Im Verlauf der Extras erzählt Regisseur Marchand ausführlich von den Motiven für seinen ersten Langfilm, zu dem er auch das Drehbuch beisteuerte. In seiner Jugend sei er quasi in Krankenhäusern aufgewachsen, da sein Vater dort Arzt gewesen ist. Von jeher von der klaustrophobischen Atmosphäre und deren phantasievollen Möglichkeiten geprägt, hatte er bereits damals die Vorstellung von einem Doktor, der nachts die schlafenden Frauen beobachtet. Daraus sei schließlich die Grundidee entstanden, die er nun ausgeformt habe.
In seiner Vorstellung habe er sich durch die Verwendung diverser Krankenhäuser in Tour, Bourges und einem stilgelegten in der Pariser Umgebung (Parallele zu "E.R.") das albtraumhafte Krankenhaus geformt, in dem seine Geschichte durchaus schlüssig spielt. Sowohl die Opfer als auch die Hauptdarstellerin Quinton verkörpern gut die unschuldsvoll schlummernde Erotik, die den perversen Arzt zu seiner Tat reizt. Laurent Lucas dagegen besitzt genau jenes kaltschnäuzige Charisma und gute Aussehen, dass seinen Taten widerspricht.
Für Marchand ist die Geschichte gewissermaßen eine Umkehrung von "Die Schöne und das Biest" - denn das Biest sei zwar äußerlich abscheulich, besitzt aber im Innern eine Seele aus Gold. Bei Dr. Philippe ist es genau umgekehrt. Der Titel jedoch ergibt durchaus Sinn, da er den Spitznamen für Isabelle erdacht hatte, weil sie sich - ähnlich wie Bambi - nicht auf den eigenen Beinen halten konnte. Doch da sie sich auch dank seiner Mithilfe verselbständigt, erledigt sich die rhetorische Frage des Titels.
Der Film ist mit seinen sehr kontrastreichen Bildern gut gefilmt, die Filmmusik erinnert stellenweise an "Twin Peaks" und das Spiel der Akteure ist überzeugend. Was ich an dem Film jedoch vermisste, war der Umstand, dass man uns über die Motive Philippes letztlich im Unklaren ließ. Das Duell beider Kontrahenten ist jedoch - insbesondere aufgrund des zum Teil unerwarteten Endes (erinnerte mich sehr an "Invisible") - sehr sehenswert, wodurch einige Längen aufgewogen werden. Leider liegen alle umfassenden Extras nur als Texttafeln vor, was die Lektüre zur Tastatur- und Augenplage geraten lässt. Thrillerfreunde, die Sex & Crime suchen, werden hier auf ihre Kosten kommen. (kh)
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