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Drama
 Les Misérables
geschrieben von klaus_h am 13. Jan 2007

Die Elenden

Cover Nur wenige Stoffe haben es in 100 Jahren Filmgeschichte auf 18 Verfilmungen gebracht. Aber die so genannten Klassiker gehören dazu. Hier ist es eines der beiden Hauptwerke Victor Hugos, das sich als Ode an die Menschlichkeit und die Vergebung interpretieren lässt. Insbesondere dann, wenn man wie Regisseur Bille August ("Das Geisterhaus", "Jerusalem") ein besonderes Händchen für Literaturverfilmungen besitzt. Stehen einem dann noch Stars wie Liam Neeson ("Schindlers Liste"), Geoffrey Rush ("Shine", "Fluch der Karibik") und Uma Thurman ("Kill Bill", "Das Leben vor meinen Augen") zur Verfügung, so kann das Ergebnis im positiven Sinne nur gediegen sein.

Les Misérables
USA - 1998
Veröffentlichung: 07.12.06
Regie: Bille August
Darsteller: Liam Neeson, Geoffrey Rush, Uma Thurman, Claire Danes, Hans Matheson u.a.
"Nochmal"-Faktor: hoch, Ode an die Humanität
Unsere Wertung: 91%
FSK: 12
Laufzeit: 129 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch Dolby Digital 5.1 u. DTS/ Englisch Dolby Digital 5.1
Bildformat: 16:9, 2,40:1
Untertitel: Fehlanzeige
Extras: • Featurette
• Interviews
• Blick hinter die Kulissen
• Darstellerinfos
Und doch hat der Stoff neben der einen Perle, wie z.B. die gute Verfilmung mit Lino Ventura ("Les Misérables (1982)"), und einem weltweit erfolgreichen Musical ("Les Misérables - 10th Anniversary Concert") auch ein paar schwafelige Verfilmungen wie jene mit Gerad Depardieu gegeben. Dabei liegt das Problem auf der Hand: Die Romanvorlagen des 19. Jahrhunderts sind allzu detailverliebt, dialoglastig und mit einer Fülle von handelnden Personen behaftet, die den durchschnittlichen Kinogänger bald überfordern würden. Also liegt die Kunst sowohl in der Konzentration auf das Wesentliche als auch in der Lösung der Frage, was man - ohne das Werk allzu sehr zu verletzen - über Bord werfen kann.

Beispiel Bille August und sein Drehbuchautor Rafael Yglesias ("Fearless", "From Hell") waren also gut damit beraten, die im Musical ganz wichtige Nebenfigur der Eponine fast ganz verschwinden zu lassen und den umtriebigen Gastwirt Thenardier nur eine einzige Schlüsselszene zu geben. Im Zentrum von August Verfilmung steht nämlich der Gegensatz zwischen Jean Valjean (Neeson) und Geoffry Rush (Javert). Womit wir bei der Geschichte wären, die ich nun noch einmal erzählen werde.

Jean Valjean wird 1815 aus einem französischen Gefängnis nach 19 Jahren Haft entlassen. Nur allein aufgrund eines gestohlenen Brotes hatte man ihn inhaftiert und sieht nun jede Chance auf Resozialisierung geschwunden. Ein Bischof bietet ihm für eine Nacht Unterkunft und Essen an. Doch das Vertrauen missbraucht Valjean und stiehlt das Tafelsilber des Prälaten. Auf der Flucht erwischt und wieder vor den Bischof gebracht erlebt Jean ein Wunder. Der Bischof behauptet, er habe ihm die Sachen geschenkt und schließt insgeheim mit ihm einen Handel ab: Nun müsse er sich dieser Vergebung als würdig erweisen. Die Wandlung Valjeans hat ihren Anfang genommen.

Fortan beschließt er unter falschem Namen sein Glück zu suchen und sich den diskriminierenden Bewährungsauflagen zu entziehen. Acht Jahre später ist er Bürgermeister und Fabrikbesitzer in einer Kleinstadt. Aber auch dort verfolgt ihn der manische Inspektor Javert, da Valjean durch seine Fürsorge für die "gefallene" Fantine und deren Tochter Cosette sowie Dritte sich buchstäblich selbst demaskiert hat. Der Machtkampf zwischen Javert und Valjean geht auf Biegen und Brechen. Werden Cosette und Valjean ihr Glück in einem Frankreich finden, in dem Restauration und Bürgertum sich um die Macht bekämpfen und das Elend der Massen unübersehbar ist?

BeispielDer Film, der sehr gut ausgestattet ist und realistisch die elenden Lebensbedingungen des frühen Industriezeitalters porträtiert, besticht durch die sorgfältige Inszenierung des Gegensatzes zwischen Valjean und Javert. Hier der geläuterte Gutmensch, der wegen eines Nichts an Unrecht unzählige Bestrafungen erlitten hat und nun Vergebung und Hilfe gegen alles walten lassen möchte. Auf der anderen Seite der selbst aus dem Elend stammende Pflichtmensch, der es nicht verkraften kann, aus seiner Sicht gegen einen solch Resozialisierten menschlich und dienstlich "verloren" zu haben.

Sowohl seinen Schauspieler als auch dem Regisseur gelingt es dabei, die Motive beider Kontrahenten weitaus glaubhafter als in den früheren Verfilmungen und vor allem im Musical herausarbeiten zu können, die gerade Javert nur als plumpes, hasserfülltes Wesen ohne eigene Vergangenheit porträtieren. Doch auch die Nebenrollen wissen zu überzeugen. Selten hat man eine schwindsüchtigere Fantin als Uma Thurman gesehen. Gerade ihre Äußerungen in den Interviews zeigen, wie sehr sie die Literaturvorlage verinnerlicht hat.

Ist die Rolle des Revolutionärs Marius (Hans Matheson, "Dina - Meine Geschichte") noch gut ausgefüllt, so enttäuscht hingegen Claire Danes ("Familienfest und andere Schwierigkeiten", "Shopgirl", "Der Sternwanderer") weitgehend. Ihr Zugeständnis in den Interviews, sich die Cosette bei den verwöhnten Töchtern ihrer Privatschule "abgeschaut" zu haben, enthüllt ihren Kardinalfehler. Denn Cosette sollte nicht etwa nur das verwöhnte Töchterlein sein, sondern auch die dramatisch Liebende. Diese Rolle könnte Danes eigentlich seit "Romeo und Julia" beherrschen.

Beispiel Bei den Extras lobt Neeson die familiäre Atmosphäre innerhalb des Teams von Bille August. In der Tat hat er etliche Mitarbeiter früherer großer Filme hier vereint: Kameramann Jörgen Persson ("Fräulein Smillas Gespür für Schnee", "Pelle, der Eroberer"), Szenenbild: Anna Asp ("Jerusalem", Geisterhaus), Szenenbau Peter Grant ("Fräulein Smillas Gespür für Schnee", "Abyss - Abgrund des Todes"), Kostüme: Gabriella Pescucci ("Beowulf & Grendel", "Brothers Grimm", "Charlie und die Schokoladenfabrik"). Auf ein derartiges Team kann man sich verlassen.

So hat man es fast geschafft, das heutige Prag zum damaligen Paris werden zu lassen. Allerdings schlägt der Goof (Filmfehler) in einer Massenszene dann doch heftig zu: Im Hintergrund entdeckt man eine Kirche, die so gar nicht nach Frankreich passen mag: Die Doppeltürme der Kathedrale von St. Veit. Egal - der Film war eine Wohltat, ein wenig traditionell in der Umsetzung, aber angenehm geistreiche Unterhaltung und ohne die befürchteten Längen. Auf jeden Fall sollte man ihn sich ausgeliehen haben. (kh)

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