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Kompilation
Alle Kinder dieser Welt
geschrieben von klaus_h am 15. Jan 2007
All the invisible children
Die "unsichtbaren Kinder" dieser Welt sind jene 300 Millionen Kinder, die tagtäglich um ihr physisches oder psychisches Leben kämpfen, ohne eine eigentliche Kindheit zu erleben. Den Produzenten Chiara Telesi und Stefano Venuroso gelang es mit diesem Episodenfilm, acht bekannte Regisseure aus verschiedenen Nationen für Idee zu begeistern, um damit zum Nutzen der Unicef auf das Schicksal dieser Kinder aufmerksam zu machen.
Alle Kinder dieser Welt
Italien - 2005
Veröffentlichung: 30.11.2006
Regie: Mehdi Charef, Emir Kusturica, Spike Lee, Katia Lund, Ridley & Jordan Scott, Stefano Venuroso, John Woo
Darsteller: Adam Bila, Uros Milovanovic, Hannah Hodson, David Thwellis, Kelly Macdonald u.v.a.m.
"Nochmal"-Faktor: mittel bis hoch (je nach Episode)
Unsere Wertung: 86%
FSK: 12
Laufzeit: 124 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch Dolby Digital 5.1 DTS/ Orginalsprachen der jeweiligen Episode Dolby Digital 5.1
Bildformat: 16:9, 1,85:1
Untertitel: Deutsch
Extras:
• Making of
• Musikclip: Tina Turner u. Elisa: "Teach me again"
• Kinotrailer
• 7-seitiges Booklet
Mit Mehdi Charef ("Tee im Harem des Archimedes"), Emir Kusturica ("Underground"), Spike Lee ("Malcolm X"), Kátia Lund ("City of God"), Ridley Scott ("Gladiator", "White Squall") und dessen Tochter Jordan, John Woo ("Mission Impossible") und Venuroso selbst hatte man dabei eine gute Grundlage.
Hut ab vor dieser Produktion, die es fertig brachte sehr unterschiedliche, jeder auf seine Art individualistische Regisseure u. Regisseurinnen in dieses Projekt zu integrieren. Allein die logistischen Herausforderung mit sieben Dreh- u. Produktionsorten an den entgegengesetzten Enden der Welt muss den Produzenten bestimmt Kopfschmerzen bereitet haben. Bewusst ließ man die Teams nicht wissen, um welche Thematik es in ihren Kurzfilmen gehen würde. So ergeben sich interessante Parallelen ohne Wiederholungen. Insgesamt möchte ich sagen, dass es allen gelungen ist, in nur rund 15 Minuten ansprechende Geschichten zu erzählen.
Dass dabei einige Episoden nicht ganz dem hohen Anspruch gerecht werden, dürfte sich aufgrund der Problematik ergeben. Nicht für jeden eignet sich der Kurzfilm. Umso überraschender ist das Ergebnis. Die besseren Geschichten steuern Emir Kusturica, Kátia Lund, Ridley & Jordan Scott und Stefano Venuroso bei. Wie ich die einzelnen Folgen erlebt habe, muss ich daher ausführlicher darlegen:
Tanza
von Mehdi Charef erzählt die Geschichte eines wohl 12-jährigen Kindersoldaten in Rwanda, der mit seiner kleinen Schar abgestumpft den Regierungstruppen auflauert, Erwachsene niederschießt und scheinbar keine Scheu hat in einer Schule eine Bombe zu legen. Werden einige Motive des Jungen (die Erinnerung an die Kindheit beim Finden des eigenen Schatzes - einer Zwille) noch gut dargestellt, so verliert die Episode sehr durch die unrealistische Auflösung. Es ist gut, dass der aus Nordafrika stammende Charef dieses Thema anrührt, die Ausführung hat mich trotzdem enttäuscht. Wertung: 50%
Blue Gypsy
Der begnadet schräge Geschichtenerzähler Kusturica bediente sich einer guten Idee seines Sohnes, aus der er ursprünglich einen Langfilm machen wollte, da sie ihm für dieses Projekt wie geschaffen erschien. Der dreizehnjährige Uros hat wegen Taschendiebstahl einige Jahre in einer serbischen Besserungsanstalt eingesessen. Perfiderweise fühlt er sich dort mehr zu Hause als draußen, da sein Vater - ein Zigeunerpatriarch - seine ganze Familie stets mit Prügel zu weiteren Straftaten zwingen wird. Kusturica erzählt die verstörende Geschichte mit einer Häufung von schrägen Anekdoten auf welche Weise sich Uros dem Zugriff des Vaters entzieht: die Kollision mit der Hochzeitsgesellschaft, der Gefangenenchor, der arrangierte, swingende Diebeszug der Sinti. Wertung: 98%
Jesus Children of America
von Spike Lee berichtet von der kleinen Blanca aus Brooklyn, die in der Schule brutal gemobbt wird, da sie HIV-positiv und äußerst "weiß" ist. Die Krankheit bekam sie von ihren Eltern (Rosie Perez als Mutter!), der Vater ein Golfkriegsveteran, beide cracksüchtig. Auch wenn Perez ihre Rolle sehr gut spielt und Lee geschickt den Finger auf einige der immanenten sozialen Probleme der Afroamerikaner legt, ist seine Episode durch zu viele Klischees und Unglaubwürdigkeiten belastet. Gerade die geradezu dem Mittelstand entstammende Wohnung und Kleidung der Familie lässt einem am Drogenkonsum der Eltern zweifeln. Wertung: 65%
Bilu e Joao
von Kátia Lund lässt uns einen Tag im Überlebenskampf eines kleinen Geschwisterpaares erfahren, die im brasilianischen Großstadtmoloch Sao Paulo von der modernen Wegwerfgesellschaft leben: Getränkedosen, Pappe, Kupferdraht und sonstiger Elektroschrott - alles wird mit dem geliehenen plumpen Karren zum Schrotthändler gebracht. Wie Lund in gelungenen Parallelmontagen beide Kinder in die Geschichte einführt und deren kaum zu gewinnenden Wettlauf mit der Zeit darstellt, nötigt höchsten Respekt ab. Am Ende verlieren sie durch Regen, einen Platten und neidische Erwachsene nahezu ihr gesamtes Geld und müssen am nächsten Tag wohl wieder um die erträumten neuen Turnschuhe und das Steak mit Pommes kämpfen. Wertung: 100%
"Jonathan"
von Ridley u. Jordan Scott ist ein Kriegsfotograf, dessen Psyche allmählich zu zerbrechen droht. Abgestoßen durch den Zynismus seiner Freundin (Kelly Macdonald, "No Country for Old Men", "State of play") träumt Jonathan (David Thwellis, "Harry Potter und der Feuerkelch") sich beim Spaziergang in seine Kindheit und das Abenteuerspiel mit seinen besten Freunden hinein. Wie Scott dessen Metarmorphose in seinen jugendlichen Körper durch den Sprung in den Fluss auffängt, besitzt große Poesie. Auch wie die Jungen in ihrem Traumspiel auf versprengte Kinderbanden im Kosovo stoßen, schlägt geschickt die Brücke zurück zum aktuellen Themenkreis. Scotts Botschaft, sich als Erwachsener auch stets an die eigene Kindheit zu erinnern, schließt Jonathan mit der Weisheit: "Freunde verdoppeln das Gute und halbieren das Böse im Leben." Wertung: 98%
Ciro
ist ein kleiner Junge aus Neapel, der mit seinen ständig streitenden Eltern am Rande einer Betonwüste sich mittels Überfällen und Diebstählen über Wasser hält. Wie die vorangegange Episode war diese Arbeit Veneruso das Überraschendste an dieser Zusammenstellung. Denn wie Veneruso gleichermaßen geschickt die actionreiche Verfolgungsjagd durch das Zentrum Neapels, die stilistische Selbstinszenierung des Jungen und die Gesellschaftskritik inszeniert, lässt für das italienische Kino hoffen. Auch das Spiel des jungen Hauptdarstellers ist bestechend. Wertung 95%
Song Song und Little Cat
müsste eigentlich "Xsong Xsong und Xhiao Mei" heißen, fiel aber offensichtlich dem Anglisierungswahn anheim. John Woo, dessen komplizierten Actionopern ("Im Körper des Feindes", "Red Cliff") ich durchaus schätze, offenbart jedoch leider kein rechtes Geschick bei der Auswahl seiner allzu sehr mit Klischees beladenen Herzschmerz-Story. Außerdem kann man von einer Freundschaft zwischen der verwöhnten Prinzessin der neuen Phaetonfahrenden Oberschicht und dem kleinen Bettlermädchen - wie auf dem Cover beschrieben - kaum sprechen. Denn die kleine süße Xhiao Mei, als Säugling wegen einer Behinderung wie Abfall weggeworfen, wurde vom Wohlstandsmüll (s.o.) sammelnden "Großvater" aufgesammelt und nur durch die von Xsong Xsong weggeworfene teure Puppe ergibt sich für beide Kinder eine kurze schicksalshafte Begegnung. Diese hat jedoch nur für Xsong Xsong eine Wendung zum Guten. Wertung 60%
Insgesamt war ich aufgrund der überwiegend hochwertigen Qualität (im Schnitt immerhin 81%) der Storys und der technischen Ausstattung sehr überzeugt von der Durchführung dieses vorbildlichen Projekts. Die Extras sind umfassend und informativ, insbesondere wenn man hinter die Kulissen der Dreharbeiten schaut. Die FSK-Freigabe ab 12 ist jedoch ein schlechter Witz, da der Episodenfilm als Unterrichtsstoff in die Schulen gehört! Auf jeden Fall sollte jede Stadtbücherei ein Exemplar dieser DVD in ihrer Jugendbibliohek parat haben. (kh)
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