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Drama
Marie Antoinette
geschrieben von klaus_h am 04. Apr 2007
Ein Opfer schlechter PR
Besser kann man Marie Antoinette nach den heutigen Kenntnissen der Forschung wohl kaum beschreiben! Dennoch klingt uns noch heute die Propaganda der französischen Revolution in den Ohren, dass die französische Königin auf die Nachricht, den Massen fehle es an Brot, gelangweilt, "Dann sollen sie doch Kuchen essen", geantwortet habe. Und dies ist erst der Gipfel des Eisbergs. Regisseurin Sofia Coppola ("Lost in Translation") hat mit Kirsten Dunst ("Spider-Man 2.1") den Versuch unternommen, in einem etwas anderen Historienfilm mit modernen Mitteln die Spuren einer weiblichen Biographie aufzuspüren, die nie etwas anderes war als ein Spielball europäischer Machtpolitik zweier rivalisierender Dynastien.
Marie Antoinette
USA - 2006
Veröffentlichung: 03.04.07
Regie: Sofia Coppola
Darsteller: Kirsten Dunst, Jason Schwartzman, Rip Torn, Marianne Faithfull, Steve Coogan, Judy Davis, Danny Huston, Rose Byrne, Jamie Dornan, Aurore Clément, Asia Argento u.a.
"Nochmal"-Faktor: mittel bis hoch
Unsere Wertung: 77%
FSK: freigegeben - und was ist mit seelischer Grausamkeit?
Laufzeit: 118 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch / Englisch Dolby Digital 5.1
Bildformat: 16:9, 1,85:1
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Türkisch
Extras:
• Making of (28 min)
• Zwei entfallene Szenen: In der Oper, Rückkehr vom Petite Trianon nach Versailles
• Schlossführung mit Ludwig XVI.
• Trailer
Ein verträumtes Mädchen von 14 Jahren wacht eines Morgens im Schloss Schönbrunn in Wien auf und wird von ihrer Mutter Kaiserin Maria Theresia in zwar noch liebevollen, aber bestimmenden Worten auf seine zukünftige Rolle als Ehefrau des französischen Thronfolgers, des späteren Ludwig XVI. (Jason Schwartzman: "Verliebt in eine Hexe", "Per Anhalter durch die Galaxis", "Shopgirl") eingeschworen. Nur wenn sie politisch geschickt agiere und Frankreich ihrerseits einen Erbe schenke, könne dies das Geschick des Hauses Habsburg und ihr eigenes positiv beeinflussen. Bereits an der Grenze wird das Kind zumindest moralisch defloriert.
Inmitten eines kunstvoll dekorierten Pavillons, der genau auf der Grenze beider Länder steht, muss sie sich auf Geheiss ihrer ersten Ehrendame (Judy Davis) nach altem Zeremoniell vor allen Anwesenden entkleiden und ihren Besitztümern entsagen (selbst ihrem geliebtem Mops), damit die zukünftige Dauphine sich vollkommen von ihrer eigenen Heimat verabschiede. Marie Antoinette ist jung und wird auch diesen ersten Schock überstehen, aber dem Zuschauer schwant, wie pervers das Hofzeremoniell noch werden kann. Nach dem kaltherzigen Empfang für die "österreichische Spionin" (oder "L'austrichienne" - frz. Wortspiel = "die andere Hündin") wird das nächste Erwachen Maries in einem Schloss jede weitere Illusion zerstören:
Beim morgendlichen "Levée", dem Prozess des Ankleidens, stehen alle Hofdamen von Rang, alles Angehörige des Hochadels um sie herum - jede davon befugt ihr ein einzelnes Kleidungsteil überzustreifen. Jedes mal, wenn eine der höher eingestuften Damen "verspätet" eintrifft, wird das Prozedere unterbrochen - völlig ungeachtet, ob die immer noch nackte Marie Antoinette nun friert oder nicht. Uns ist klar, dass in ihrem speziellen Fall auch bewusste Schikane gegenüber der "Österreicherin" dahinter steckt, doch die Prinzessin ist immer noch gewillt das skurrile Spiel aufzunehmen.
In einem anderen Moment begehrt sie gegen die erste Hofdame auf: "Das ist doch lächerlich!" - "Das - Madame - ist Versailles!", entgegnet diese lapidar. Derartige Lektionen steckt sie weg und flüchtet sich in immer noch kindliche Unbefangenheit, die den österreichische Gesandten Mercy (Steve Coogan: "In 80 Tagen um die Welt", "Nachts im Museum"), der vor allen Dingen um seinen außenpolitischen Auftrag bangt, immer wieder zu Ermahnungen treibt. Selbst nach der Hochzeit mit dem "einfach gestrickten", asexuellen Dauphin versucht sie alles, damit die Ehe vollzogen und endlich ein Thronfolger geboren wird - aber Louis Auguste interessiert sich lieber für die Fertigung von Schlüsseln und Schlösser sowie die geliebte Jagd. Dank dieser kann er abends immer Erschöpfung vorgeben. Zum Spott des Hofes und des Verdrusses von Marie Antoinette.
Also kommt es soweit - dass selbst ihr Bruder Kaiser Joseph (Danny Huston: "Silver City") dem jungen Ehepaar sexuellen Nachhilfeuntericht geben muss, der übrigens historisch belegt ist. Erst als sich das erste Kind - allerdings eine Tochter - anmeldet, scheint Marie Antoinette langsam vom Hof akzeptiert zu werden. Ihre wahre Emanzipation beginnt allmählich mit dem Rückzug ins privat-familiäre "Schäferidyll", einer romantischen Affäre mit dem Kriegshelden Graf von Fersen (Jamie Dornan, Diorkampagnengesicht), die dann doch allzu schnell umschlägt durch die Propaganda am Vorabend der Revolution.
Vor dem großartigen Hintergrund der Originalschauplätze, mithilfe phantastischer Kostüme, die nicht zu unrecht Ocarprämiert wurden und einer ganzen Schar fast ausschließlich anglo-amerikanischer Schauspieler entwirft Sofia Coppola inbesondere in den zwei oben ausführlich geschilderten Sequenzen ein eindrückliches Psychogramm der Hauptfigur. Dies hat sie vor allen Dingen vier Momenten zu verdanken: Der Literaturvorlage, dem biskuitporzellangleichen Anlitz Kirsten Dunsts, dem Bravour der Kulisse und der Klasse ihres Stammkameramanns Lance Acord ("Lost in Translation", "Adaption", "Being John Malkovich"), der von mir immer gute Noten bekam.
Allerdings sieht man seinen Bildern stets an, dass er aus der Videoclipbranche kommt, was dem Film nicht ganz zu Unrecht in Verbindung mit dem zu 50% modernen Score (The Strokes, The Cure, Siouxie and the Banshees, New Order, Air) den Ruf eines MTV-Videoclips in Marathonlänge eingebracht hat. Dabei passen einige moderne Stücke merkwürdigerweise - wie z.B. die Ballszene - besser als jene falsch eingestreuten "klassischen" Stücke. So zeugt es z.B. von großer Unkenntnis zum "Levée" und Dinée ausgerechnet den ersten und zweiten Satz aus Vivaldis Concerto für Streichorchester und Cembalo in G-Dur zu bringen! Vivaldi war zwar Bach und Händel sehr geläufig, aber im Frankreich zur Mitte des 18. Jahrhunderts wohl kaum "en vogue". Doch da dürften Signora Coppolas italienische Vorfahren eine Rolle gespielt haben...
Aus der Sicht des Historikers begeht der Film einige Fehler. Der aus meiner Sicht gröbste Schnitzer begeht das Drehbuch bei der ersten Geburt eines bourbonischen Prinzen der jüngeren Generation, der Marie demütigenderweise in einer Schlüsselszene beiwohnen muss: Es ist eben nicht der Sohn des Grafen der Provence (des späteren Ludwig XVIII.) - dieser hatte selbst keine Kinder - sondern der Sohn des Grafen von Artois (des späteren Karl X.): der Herzog von Angoulême, dessen Namen man dann aber wieder korrekt anbringt. Offenbar hat das Drehbuch hier vollends den Überblick verloren. Ein Fehler, den man allerdings häufiger in Historienfilmen findet.
Ein verbreiteter Vorwurf, den man im Vorfeld oft gegenüber dem Film lesen konnte, war der, dass es Coppola "mehr um den Stil als die Substanz gegangen sei" und man "keine Persönlichkeitsentwicklung bei der Figur Marie Antoinettes" sehen könne. Dem kann man nur entgegnen, dass man mit dem ersten Punkt treffender das Zeitalter des "Louis Seize" wohl kaum beschreiben können und somit die Regisseurin ihre Hausaufgaben gemacht hat. Da auch Marie Antoinette im Wesentlichen nur reagieren kann und kaum selbst Möglichkeiten zu ihrer Entfaltung bekommt, ist auch der zweite Kritikpunkt hinfällig. Woran es allerdings bei dem Film hapert, ist seine Länge und sein Thema: denn letzten Endes wird uns das Zeremoniell und auch die Problematik der Marie immer wieder aufs Neue vorgekaut. Dies plätschert allzu lange vor sich hin und als am Ende alles auf die Revolutionswirren zusteuert, wird der Film hastig mit dem Abschied vom Schloss zuende geführt. Eine interessante Perspektive, schöne Bilder - aber kein Film für die Ewigkeit, da man offensichtlich zu sehr dem Fehler verfallen war eine Pop-Prinzessin als Paris Hilton des 18. Jahrhunderts zu skizzieren. (kh)
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