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Drama
Möwengelächter
geschrieben von klaus_h am 05. Apr 2007
Willkommen in Island
Frauendramen aus dem hohen Norden wie "Dina" üben auf viele Zuschauer eine besondere Faszination aus. Der Hauptcharakter in diesem Fall, die lebenslustige Witwe Freya, wirbelt mit ihrer selbstbewussten Erotik das beschauliche Leben eines isländischen Fischerstädtchens der 50er Jahre auf. Dabei bewirkt sie ein Drama von klassischem Ausmaß. Wenn dabei noch mit Heino Ferch ("Der Untergang", "Buddies - Leben auf der Überholspur") und dem isländischen Top-Star Hilmir Snær Guðnason ("Erbsen auf halb 6") zwei hierzulande bekannte Darsteller mitspielen, gewinnt das Ganze noch an Reiz.
Sprachen und Tonformate: Deutsch Dolby Digital 5.1 / Isländisch Dolby Digital 2.0
Bildformat: 16:9, 2,35:1
Untertitel: Deutsch
Extras:
• Making of (8:52)
• Entfallene Szenen (12:00)
• Vorstellung der Akteure (Texttafeln)
• Der Regisseur zum Film (Texttafeln)
• Originaltrailer
Bei dieser hochwertigen Gemeinschaftsproduktion mit dem NDR und der Brandenburgischen Filmförderung, die auch das Mitwirken Ferchs zum Teil erklärt, handelt es sich um die Verfilmung des isländischen Erfolgsromans von Kristin Marja Baldursdóttir. 1952 kommt die junge Witwe Freya aus den Vereinigten Staaten nach Island zurück. Ihren Mann, ein ehemaliger US-Pilot, der auf Island stationiert war, hatte nach sieben Jahren Ehe ein Herzinfarkt hinweggerafft. ("Er starb, als ich den Kühlschrank abtaute. - Du hattest einen Kühlschrank?".)
Als gäbe es nichts natürlicheres zieht Freya, herausgeputzt wie eine amerikanische Filmdiva jener Zeit, zur Familie ihrer "Fast"-Großmutter zurück. Denn Amma ist "nur" die beste Freundin der eigenen Oma - und eigentlich mit den beiden Töchtern Dodo und Ninna, ihrer Schwägerin und der aufmüpfigen Enkeltochter Agga (Egilsdóttir) bestens ausgelastet. Der einzige Mann im Haus, der Großvater, ist als eigenbrötlerischer Fischer ohnehin lieber auf See als in diesem Frauenhaus. Scheinbar bedeutet die Frauen- und Familienbande in Island jener Zeit sehr viel. Das muss es auch.
Denn für die Frauen gab es in diesen Jahren wenig Möglichkeiten. Während des Krieges ermutigte man sie Männerarbeit zu verrichten und in die Ferne zu ziehen, während man danach kaum Arbeitsstellen hatte und die arbeitslosen Männer ihre Frauen schlechter als zuvor behandelten. Die selbstbewusste Freya, die nicht umsonst den Namen der nordischen Fruchtbarkeitsgöttin trägt, beginnt durch ihren Chic, ihre Verlockungen und ihre spitze Zunge das eingerostete Sozialgefüge aufzubrechen. Denn Freya sucht eine gute Partie.
Diese sieht sie in dem gut aussehenden und mit glänzenden Perspektiven versehenen Ingenieur Björn Theodor (Ferch), der zwar beinahe mit der Tochter des Landrats verlobt ist, aber an solchen Kleinigkeiten stört sich Freya wenig. Dabei wird sie ständig von ihrer naseweisen "Nichte" Agga beobachtet, die all ihre voreiligen, aber manchmal fatalerweise zutreffenden Vermutungen dem feschen Polizisten Magnus (Hilmir Snær Guðnason) zuträgt, der zwar auch eine Ahnung hat, was hier vorgehen könnte, aber dem Mädchen nicht unbedingt glauben mag.
Und Freya die mit ihrer hochgewachsenen Statur, dem Filmstarlächlen und der roten Mähne nicht umsonst wie eine Sirene, Fee oder Göttin aussieht, spielt schon bald Schicksal. Denn dass der ihre Freundin Disi misshandlende Ehemann im Schlaf wegen einer brennenden Zigarette erstickt, kann wohl doch kein Zufall sein? Selbst Björn Theodor und Magnus werden merken, dass die Möwen nur deswegen lachen, weil kein Mann in Island die Frauen versteht...
Bei dem schwierigen Versuch einen komplizierten Roman mit vielen interessanten, skurrilen Nebenfiguren zu verfilmen, hat der Regisseur gut daran getan sich im Wesentlichen auf das Quartett Freya, Björn Theodor, Agga und Magnus bei der hinreichenden Charakterzeichnung zu beschränken. Doch auch die anderen Schauspieler füllen ihre Rollen sehr gut aus, so dass im Verbund mit der sehr zeitgerechten Ausstattung ein lebendiges Abbild jener Ära vor Augen tritt.
Denn der wahre Konflikt spielt sich schließlich nicht nur in dem Beziehungsdrama zwischen den Eheleuten Freya und Björn Theodor wider sondern auch in den Emanzipationsbestrebungen fast aller Frauenfiguren in diesem Film. Dabei erreicht die damals erst 15-jährige Ugla Egilsdóttir, die nicht umsonst Christina Ricci sehr ähnlich sieht, eine reife Leistung zwischen Cassandra und Nymphe. Am Ende ist sie ihrer geliebten Feindin Freya ähnlicher als jeder es erwartet hätte. Ferch ("Vom Suchen und Finden der Liebe") spielt wie immer versiert und scheint für derartige Typen vergangener Zeiten prädestiniert zu sein. Guðnason gefällt selbst in der "zweiten Reihe" durch seinen Charme.
Die Hauptdarstellerin schließlich glänzt mit einer physischen Präsenz, die man bei den vielen blutleeren Darstellerinnen unserer Tage schmerzlich vermisst. Zudem sorgt der deutsche Kameramann Peter Krause ("Sonnenallee") für stimmige Bilder eines Films, der irgendwo zwischen "Chocolat", "Grüne Tomaten" und dem bereits erwähnten "Dina - Meine Geschichte" liegt: geheimnisvoll, erotisch und letztlich brutal verstörend. Wie das Leben eben. Auch aufgrund der für eine derartige Produktion kaum zu erwartenden Extras ein absoluter Geheimtipp für die Freunde des gepflegten Dramas! (kh)