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Thriller
Das Parfüm - Die Geschichte eines Mörders
geschrieben von klaus_h am 04. Jun 2007
Die Geschichte einer Obsession
Patricks Süskinds Roman "Das Parfüm" begeistert seit mehr als 20 Jahren Millionen von Lesern auf der ganzen Welt. Seit fast ebensoviel Jahren versuchte Erfolgsproduzent Bernd Eichinger ("Der Untergang") seinen Freund zur Abgabe der Filmrechte zu bewegen. Daraus entstand im Zusammenspiel mit Dietl sogar ein deutscher Erfolgsfilm: "Rossini". Doch vor ein paar Jahren entschied Süskind recht unerwartet, dass die Zeit für die Visualisierung gekommen sei. Und Eichinger ging daran mit Regie-As Tom Tykwer ("Lola rennt", "The International") und einem Staraufgebot in Barcelona das Paris des 18. Jahrhunderts wiederauferstehen zu lassen. Eine Literaturverfilmung von höchster Güte entstand.
Das Parfüm - Die Geschichte eines Mörders
Deutschland - 2006
Veröffentlichung: 15.03.2007
Regie: Tom Tykwer
Darsteller: Ben Whishaw, Dustin Hoffmann, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood, Karoline Herfurth, Corinna Harfouch, Jessica Schwarz, Birgit Minichmayr sowie Otto Sander als Erzähler u.a.
"Nochmal"-Faktor: sehr hoch - Meilenstein
Unsere Wertung: 100% für das Gesamtwerk, 20% Abzug für überzogenen Kopierschutz wäre angemessen
FSK: ab 12
Laufzeit: 142 Min.
Sprachen und Tonformate: Deutsch Dolby Digital 5.1 + DTS/ Englisch Dolby Digital 5.1
Bildformat: 16:9 (2,35:1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte (farblich variiert)
Extras:
Audiokommentar Tom Tykwer
Audiokommentar Ausstatter Uli Hanisch & Assistentin Kai Karla Koch
Audiokommentar Kameramann Frank Griebe & Editor Alexander Berner
Hörspielfassung
Making of (54 Min.)
Interviews
Motivsuche (11 Min.)
Kameraarbeit
Visualisierung der Gerüche (13:35 Min.)
Deutsche Synchro
Mischung Orginalversion
Die Düfte zum Film
1738 auf dem Fischmarkt von Paris. Strömender Regen. Betäubender Gestank. Überall Fischabfälle, Schuppen, Gedärme und dazwischen die Verkaufsstände. Eine hochschwangere Verkäuferin (Minichmayr: "Elementarteilchen") bringt auf dem Boden rasch den kleinen Jean-Baptiste Grenouille zur Welt und schiebt den Säugling verstohlen zwischen die Fischabfälle, damit er dort stirbt. Aber dieses Wesen weigert sich zu sterben, füllt seine kleinen Lungen mit Luft und begeht gleichermaßen seine erste Tötung, indem er die Tat seiner Mutter verrät. Sie wird gehenkt, das Kind ins Waisenhaus gesteckt. Dort merken die anderen Kinder rasch, dass mit ihm etwas nicht stimmt und wollen ihn aufgrund des Mangels (ein Esser weniger) rasch töten.
Doch auch dieser Versuch geht ins Leere und so kann Jean-Baptiste aufwachsen, während sein eigener Geruchssinn immer neue Höhen der Perfektion erreicht - er selbst aber keinen eigenen Geruch verströmt. Etwas was die Amme (die Tywker aus Zeitgründen auslöst) bewusst verstört hat, alle anderen instinktiv (sie können ihn "nicht riechen") irritiert. So riecht der Junge bereits den herannahenden, geworfenen Apfel, bevor er ihn am Kopf treffen kann.
Die Betreuerin des Waisenhauses benötigt den Platz und verkauft ihn eines Tages an einen Gerber. Aber auch diese schwere, sinnabtötende Arbeit überlebt Grenouille allen Widrigkeiten zum Trotz. Als er eines Tages seinem Meister in die Stadt folgt (Gerbereien waren wegen des Gestanks und des Wasserverbrauchs immer an der Peripherie angeordnet), ist er von der Stadt und ihren Gerüchen fasziniert; die Parfümerien wecken in ihm den Wunsch dort die Kunst des Parfümeurs zu erlernen. Aber noch bevor er dies bei dem alternden Meister Baldini (Dustin Hoffmann: "Rain Man") kann, begeht er seinen ersten aktiven Mord:
Anders als im Buch erstickt er aus Angst entdeckt zu werden das Mirabellenmädchen (Herfurth: "Crazy"), das ihn bezaubert hat. Fortan will er deren flüchtigen Geruch konservieren, erhalten, wiederbeleben und strebt nach dem perfekten Parfüm. Baldini hat er schon bald überflügelt und zieht nach Grasse, der Hauptstadt der Parfümkunst weiter. Besessen von der Idee, er könnte den Zauber des menschlichen Geruchs mit Hilfe junger, hübscher Mädchen konservieren, zieht er bald eine Spur des Schreckens durch Südfrankreich, nachdem er mit seinem ersten bewussten Opfer, einer Hure (Jessica Schwarz: "Verschwende deine Jugend", "Die wilden Hühner") Erfolg zu haben scheint.
Bald stößt er auf die wunderschöne Laura (Rachel Hurd-Wood: "Peter Pan"), die von ihrem Vater, dem reichen Kaufmann Richis (Alan Rickmann: "Harry Potter und der Feuerkelch"), bewusst und mit allen Tricks geschützt wird. In ihm erwächst Jean-Baptiste ein angemessener Gegner, der nicht an Werwölfe oder anderen Schnickschnack glaubt...
Sicherlich kennen die meisten Leser jene Geschichte, die in ein paar Details von der Vorlage abweicht. Was aber Tywker von der ersten bis zur letzten Einstellung gelungen ist, ist die Kunst den Geist des Buches möglichst originalgetreu in die Sprache des Films zu übersetzen. Vor allen Dingen bei einem Roman, der so sehr auf einer Sinneswahrnehmung basiert, die mehr im Kopf als auf der Visualierung basiert.
Bereits der Auftakt, bei dem man erst die Nase (!) Grenouilles aus dem Dunkel der Kerkerzelle auftauchen sieht, die leicht geblähten Nasenflügel, die den Geruch der wartenden Menge einziehen, offenbart das Geschick Tywkers, seines Stamm-Kameramanns Frank Griebes und des Ausstatters Uli Hanisch. Ihnen gelingt mit einem ungeheuren technischen wie schöpferischem Aufwand die Realisierung einer Illusion. Das Ergebnis ist sowohl von der Dramaturgie, der Schauspielerleistung als auch von der Optik her eine rundum gelungene Meisterleistung geworden. Ben Wishwaw, der in englischen Theatern als der kommende Shakespeare-Interpret gilt, Hoffmann und Rickmann spielen hervorragend, der Score passt absolut zum atmosphärisch dichtem Bild.
Darstellerische wie szenische Höhepunkte sind sicherlich die Dialogduelle zwischen Baldini und Grenouille, bei denen keiner der Akteure den anderen an die Wand spielt, die Hinrichtungs/Massenliebeszene, die durch den Audiokommentar eine dreifache Würdigung erfährt, sowie jene Sequenzen, in denen der Geruchssinn des Protagonisten visuell übersetzt wird: z.B. die Hubschrauberkamerafahrt ("Noise-per-view") vom verfolgenden Jean-Baptiste zur meilenweit davongaloppierenden Flora oder der Einzug nach Paris mit den vielfältigen Geruchseindrücken.
Die umfassenden Extras lassen im Grunde genommen fast gar keinen Wunsch aus. Tykwer offenbart z.B., dass es sich bei dem Säugling Grenouille nicht etwa um ein CGI-Gebilde handelte, sondern um ein Frühgeborenenes, das unter ärztlicher Beobachtung auf einem völlig sterilen Tisch und nur scheinbaren Fischabfällen (sämtlich steril abgekocht!) jene Szene spielte! Tykwer, den es offenbar stets enervierte in vielen Filmen immer 6 Monate alte Säuglinge als Neugeborenes präsentiert zu sehen, bedankt sich passenderweise ausdrücklich bei jenen Eltern, die ihr Kind dafür zur Verfügung stellten. Wann hat man auch schon einmal drei (!) Audiokommentare mit wirklichen Hintergrundinformationen. Dazu kommt eine Hörspielfassung speziell für Blinde, die ich so gut mit der Menüführung bisher nur von "Erbsen auf halb 6" und "Wer früher stirbt, ist länger tot" kenne.
Beeindruckend ist auch die Demonstration der gewaltigen Mittel des Sound-Edits, der mit 136 Spuren absolutes Neuland beschreitet und die Einspielung des Soundtracks durch die Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle. Ich persönlich hatte mir noch Outtakes oder Entfallene Szenen gewünscht, die zumindest Tykwer bei einer Vorabpremiere des Making Offs im Wuppertaler Cinemaxx 2006 aus Anlass seines Eintrags in das Goldene Buch der Stadt andeutete. Vielleicht ein Fall für einen Directors Cut in 25 Jahren?
Ein Manko der DVD sollte jedoch angesprochen werden: Zumindest die Film-DVD ist aufgrund eines unverhältnismäßigen Kopierschutzes auf den meisten PC-Laufwerken nicht lauffähig, sprich das Format wird einfach nicht erkannt. Derjenige Aussendienstler, der sich nach getaner Arbeit diese DVD anschauen möchte, schaut zwangsläufig in die Röhre. Dennoch ist die vorliegende Premium-Edition unter normalen Bedingungen sicherlich ein gelungener Abschluss eines bereits stattgefundenen Kinobesuchs. Das Parfüm ist einer der wenigen Filme, die man auch auf der großen Leinwand gesehen haben sollte - zu gewaltig ist der optische Eindruck. Mit derartigen Filmen braucht Europa keine Angst vor Hollywood zu haben. (kh)