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Abenteuer
Apocalypto
geschrieben von klaus_h am 12. Jun 2007
Glanz und Grauen der Maya
Wer an Filmen wie "Der mit dem Wolf tanzt", "Rapa Nui" oder dem "Pathfinder"-Original Gefallen gefunden hatte, wird auch mit Mel Gibsons ("Gallipoli") neuestem Regiewerk über den Untergang der Maya-Kultur Unterhaltung auf hohem Niveau antreffen. Denn Gibson, der es nach "Die Passion Christi" (auf Aramäisch) erneut wagt aus Gründen der Authentizität in Originalsprache zu drehen, also auf Maya, veranschaulicht an der sehr familiären Geschichte eines von den Maya verschleppten Urwaldindios die Grundthemen der Grausamkeit einer sogenannten Hochkultur: Völkermord, Unterdrückung und Ausbeutung der eigenen Bevölkerung, soziale und machtpolitische Korruption bis zur Erosion des Staatsgebildes.
Apocalypto
USA - 2006
Veröffentlichung: 29.05.07
Regie: Mel Gibson
Darsteller: Rudy Youngblood, Dalia Hernandez, Jonathan Brewer, Morris Birdyellowhead, Raoul Trujillo, Gerardo Taracena, Rodolfo Palacios u.a.
Sprachen und Tonformate: Maya Dolby Digital 5.1 u. DTS/ Englisch Dolby Digital 5.1 (Audiokommentar)
Bildformat: 16:9, 1,85:1
Untertitel: Deutsch (nicht ausblendbar)
Extras:
• Audiokommentar des Regisseurs und des Drehbuchautors Farhad Safinia
• Making of - "Becoming Mayan" (24 min)
Die Kamera taucht ein in das nur auf den ersten Blick undurchdringliche Grün des mittelamerikanischen Urwalds: Urplötzlich bricht ein Tapir aus dem Dickicht hervor, gehetzt von einer Gruppe von neolithischen Jägern, die ihn geschickt mittels Netzen in eine Falle jagen, wo er mit einer speerbestückten "Tapirklatsche" waidgerecht erlegt wird. Und schon sind wir in deren Alltag, wo mit derbem Humor miteinander umgegangen wird - aber man respektiert einander, da jeder weiss, dass man nur in der Gruppe existieren kann.
Aufgeschreckt werden sie durch eine Gruppe von Flüchtlingen, die von unaussprechlichem Grauen aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Der Häuplingssohn "Pranke des Pumas" (Youngblood) ist beunruhigt, aber sein Vater "Blitzender Himmel" (Birdyellowhead, "Into the West") mahnt zur Ruhe: Furcht wirke ansteckend und lähmend - dies dürfe man nicht zulassen, sonst sei man verloren. Wir sehen, wie die Jäger nachhause kommen, von den Familien begrüßt werden; man feiert die erfolgreiche Jagd. Die Weisen des Dorfes deuten die Ereignisse und preisen das Leben im Einklang mit der Natur.
In der Morgendämmerung wird das Dorf jedoch von dem brutalen Sklavenjägertrupp "Holcanes" des dämonischen "Zero Wolf" (Raoul Trujillo, "JAG") der Maya überfallen. Wer nicht getötet oder vergewaltigt wird, wird verschleppt, die Kinder als unnützen Ballast zurückgelassen. Allein dieser verzweifelte Kampf der im Schlaf überraschten Indios ist schon packend inszeniert und gut choreographiert. Ein erster Gipfel der Spannung wird bereits erzielt, als "Pranke des Jaguars" während des Überfalls seine hochschwangere Frau (Dalia Hernandez) und seinen kleinen Sohn in einen natürlichen, aber leeren Brunnenschacht herablässt und gleichzeitig für sein Dorf zu kämpfen versucht. Zwar gelingt ihm die vorläufige Rettung beider, aber wie alle anderen wird auch er verschleppt.
Der Transport zur Maya-Metropole hin durch ein Gebiet der verbrannten Erde offenbart die Menschenverachtung der soldatisch und kultisch verblendeten Täter. Insbesondere der sadistische Krieger "Mittleres Auge" (Gerardo Taracena), hat es auf "Pranke des Jaguars" abgesehen, da ihn dieser "beinahe" während des Überfalls hatte töten können. Wer nicht einigermaßen mitkommen kann, wird gnadenlos getötet. Doch das wahre Grauen soll erst in der Maya-Stadt entstehen: Die Frauen werden auf dem Sklavenmarkt verschachert, die Männer als scheinbar "willige" Opfer wegen ihrer Tapferkeit als vermeintliche Mayahelden den Göttern geopfert, um die Auswirkung von "El Niño" zu verhindern: Dürre, Bodenerosion, Missernten und Seuchen...
Gegen jede Chance kämpft unser Held darum in den Urwald und zu seiner Familie zurückkehren zu können, während den Mayakriegern allmählich dämmert, dass die unheilvollen Prophezeiung eines seherischen Indiomädchens sich erfüllen könnte... Absolut überzeugend von überwiegend mexikanischen Darstellern (nur die ebenso großartigen Brewer u. Birdyellowhead sind Angehörige der Cree-Nation) gespielt, verliert die Geschichte zu kaum einem Moment ihre Glaubwürdigkeit, was sowohl an der Drehbuchvorlage als auch an der Inszenierung liegt.
Wenn man im "Making of" sieht, wie besessen von der Filmidee Gibson ("The Singing Detective") durch die Statisten tanzt, um ihnen seine Vorstellung vorzugeben und dann im Audiokommentar hört, wie Mel auch die kleinste Nebendarstellerin lobt ("Sie kam aus der Mitte vom Nirgendwo, hatte keinen Text - aber sieh, wie sie die Verzweiflung rüberbringt!") kann man nur anerkennend applaudieren. Gibson scheint ein im positiven Sinne Filmverrückter zu sein, der mit großem Aufwand unkonventionelle Mittel zur Ausssage seiner Botschaften verwendet: Hier geht es ihm meiner Meinung nach darum, das Idealbild der im Einklang mit der Natur lebenden Familie kontrastierend zu dem einer pervertierten Kultur zu stellen. Wer jedoch hier Parallelen zum 2. Irakkrieg sehen möchte, geht dabei zu weit.
Mitten im mexikanischen Urwald gedreht, eine farbenfrohe aber authentische wie phantasievolle Ausstattung pflegend, ist dem Team der Kunstgriff gelungen, das neolithische Leben der meisten Indianerstämme vor Eintreffen der spanischen Eroberer kunstvoll zu skizzieren wie auch das Grunddilemma der Maya aufzuzeigen. Dass Gibson dabei sich eines Themas (Familienzusammenführung) bedient, dass seit "Ben Hur" immer trefflich gelingt, ist nur legitim. Der dramaturgische Bogen, den er dabei zum Filmanfang schlägt, ist überaus gelungen, auch wenn er sich dabei einer (un)historischen Anekdote (Ankunft der spanischen Eroberer auf der Halbinsel Yucatan) bedient.
Aber darüber kann Gibson im Audiokommentar nur lachen - zu sehr steckt der Lausbub ihn ihm. Nicht umsonst betont der hoffentlich geheilte Alkoholiker augenzwinkernd, nur mit einem Softdrink im Vorführraum zu sitzen. Das Bild ist trotz Digital Video selbst bei Actionszenen von erstaunlicher Schärfe, der Ton weist gelungene Surroundkomponeten auf und die Filmmusik Horners ist insgesamt gelungen, ohne diesmal die üblichen Eigenzitate zu bringen.
Das "Making of" ist hier kein bloßes Konglomerat von lobenden Interviewfetzen sondern eine überzeugend gegliederte Darstellung der Produktionsvoraussetzungen (Location, Kostüme, Darsteller, Makeup, Set und Waffen) und Umsetzung. Kameramann Dean Semler ("Klick", "Bruce Allmächtig", "Razorback") war angesichts seiner bisherigen Preise sicherlich die optimale Wahl. Gibson und Safinia (übrigens auch für das Making of bei "Gallipoli" mitverantwortlich) haben augenscheinlich ihre Hausaufgaben unter der Aufsicht von Prähistorikern und Ethnologen gemacht und uns ein Film- wie DVD-Erlebnis präsentiert, das ich dieses Jahr nur bei "Das Parfüm" erleben durfte! Unbedingt anschauen! Einen Wermutstropfen gibt es allerdings - auch diese DVD vom Vertrieb Constantin verweigert aufgrund eines überzogenen Kopierschutzes das Abspielen auf einem Laptop! (kh)
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