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Thriller
Der Grosse Coup - Charley Varrick
geschrieben von klaus_h am 25. Mar 2008
The Last of the Independents
Meist werden Klassiker der Filmgeschichte nur stiefmütterlich auf DVD herausgebracht. Gerade die großen Studios und Vertriebe meinen, dem Konsumenten nichts Gutes tun zu müssen. Anders agiert hier Vertrieb e-m-s, der nun mit dem hier vorliegendem Actionthriller Don Siegels innerhalb ihrer Reihe "Meisterwerke der Filmgeschichte" gute Maßstäbe mit seiner Collector's Edition in Ausstattung und Verpackung setzt.
Der Grosse Coup - Charley Varrick
USA - 1973
Veröffentlichung: 14.02.08
Regie: Don Siegel
Darsteller: Walter Matthau, Joe Don Baker, Felicia Farr, Andy Robinson, Sheree North, John Vernon, Jacqueline Scott u.a.
"Nochmal"-Faktor: hoch, Klassiker des 70er Actionthrillers
Unsere Wertung: 95%
FSK: 16
Laufzeit: 106 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch / Englisch Dolby Digital 2.0 (Mono)
Bildformat: 16:9, 1,85:1
Untertitel: Deutsch
Extras:
• 12-seitiges Booklet verf. v. Michael Siegel
• Artworkgallerie (Filmplakate, Standfotos u. Fotos v. Dreh)
• Bio- u. Filmografie zu Siegel u. Matthau
• US-Trailer
• dt. Kinotrailer
Das hatte sich Charley Varrick (Walter Matthau) ganz anders vorgestellt. Sein ausgetüftelter Plan nur kleine Banken mit bescheidener Beute in der Provinz zu überfallen, bei denen die Polizei schnell das Interesse verliert, geht in völlig andere Bahnen. Ein misstrauischer Deputy, eine gestohlenes Kennzeichen und ein den Helden spielender Wachmann - und schon hat man fast 30 Jahre vor "Killing Zoe" ein Banken-Massaker vor sich: zwei Deputies, ein Wachmann, einer seiner Komplizen und seine eigene Frau Nadine (Jacqueline Scott: "Die Straßen von San Francisco") fallen dem heftigem Schusswechsel zum Opfer. Und dies ausgerechnet im Nest Tres Cruces, New Mexiko.
Dennoch bleiben Varrick und sein letzter Komplize Harman (Andy Robinson: "Star Trek: Deep Space Nine", "JAG") ruhig, verwischen die Spuren nach einer actionreichen Flucht - und trauen ihren Augen nicht, als sie anstatt der erwarteten 10 bis 20.000 US-Dollar die - für damalige Verhältnisse - gewaltige Summe von 750.000 Dollar in den Geldtaschen finden. Da die Bank nur von ein paar Tausend Dollar Verlusten im Rundfunk berichten lässt, steht für Varrick fest, dass es sich dabei um Gelder der Mafia aus Las Vegas handeln muss, die die Bank als Depot für die Geldwäsche nutzte!
Die Polizei könne man ja noch austricksen, aber die Mafia würde sie ihr Leben lang verfolgen. Und recht hat er, da mit dem Südstaatenkiller Molly (Joe Don Baker: "Junior Bonner") sich einer der sadistischsten Killer der Filmhistorie auf ihre Fersen gesetzt hat, der hinter seinem Babyface und seiner Hünenstatur unerbittlich ist. Doch selbst der oberste Präsident der Bank, Maynard Boyle (John Vernon: "Dirty Harry") hat ein besonderes Interesse daran - denn er wusste von dem Geld. Als ehemaliger Kunstflieger, dessen Geschäft mit Dünge- und Schadstoffsbekämpfungsflügen ("The Last of the Independents", auch der Arbeitstitel) gegenüber den großen Mitbewerbern den Bach herunter ging, hat Varrick jedoch dank seines scharfen Verstandes einige Trümpfe im Ärmel...
Nicht umsonst hat Don Siegel ("Tod eines Killers", "Coogans Bluff", "Dirty Harry") die Karriere Sam Peckinpahs und Clint Eastwood gefördert. Der einstige Filmbibliothekar und Dokumentarfilmer war der Tarantino der 60er Jahre: seine coolen ausgetüftelten Thriller waren hart, schnell und kostengünstig gedreht. Sie hatten Stil und schufen Vorbilder, die bis heute gelten. Niemals sah man das Knautschgesicht Matthau gerissener agieren. Wenn er dann noch im Vorübergehen dem Bankboss die Sekretärin, Sybil Fort (Felicia Farr, Jack Lemmons Frau) ausspannt, indem er nur sagt, dass er "noch nie in einem runden Bett geschlafen habe", dann ist das schon ein Gag.
Doch die Drehbuchautoren Howar Rodman und Dena Riesner (nach dem Roman "The Looters" von John Resse) setzten bei dieser Nebenepisode noch eins drauf, als sie nach der gemeinsamen Nacht meint: "Du schuldest mir noch Nord-Nordwest". Daraufhin überlegt Matthau kurz, grinst und dreht sich wie eine Kompassnadel in die richtige Richtung. Der Rest hat im Kopf des Zuschauers stattzufinden. Kommen wir vom Witz zur Spannung. Aufgepeitscht durch den ausgefeilten Jazzsound von Lalo Schiffrin ("Kobra, übernehmen sie", "Mission Impossible") zerren nicht nur die schrägen Phrasierungen der tiefgespielten Querflöten und das Stakkato der Percussion cool an unseren Nerven.
Die im Film dargestellte Gewalt ist brutal, schnell, aber ohne das sich später übliche Weiden an dem Leid - doch nicht umsonst hat der Film selbst heute FSK 16. Das Spiel Matthaus und Bakers, die erst zum Finale eine kurze gemeinsame Szene haben, ist brilliant bis auf die kleinste Pointe. Aber auch John Vernon als aalglatter Bänker hat mir gut gefallen. Wie bereit angedeutet ist die Ausstattung vorbildlich. Die Artworkgallerie ist nicht einfach eine schnöde Bildgallerie. Sie zeigt eben auch Fotos vom Dreh und heute kaum mehr zu sehende Filmplakate.
Der Pappschuber ist retromäßig den 70er Jahren angepasst. Das sehr eng bedruckte und mit zahllosen Fotos illustrierte Booklet bietet sehr viel Hintergrundmaterial, wie man es sich bei anderen Filmen wünschen würde. So erfährt man z.B., dass aus den Vorabtestaufnahmen mit dem neuen PANAFLEX-Verfahren gewissermaßen der Vorspann entstand und man gleich in den Kindern der Darsteller willige Komparsen fand, um das beschauliche Treiben der Kleinstadt zu illustrieren. Auch dass daraus der irreführende Hinweis entstammte, der Film sei in PANAVISION (1:2,40) gedreht worden. Tatsächlich wurde er mit dem Equipment auf 1:1,37 belichtet und nachträglich exakt "gemattet" für 1:1,85.
Außerdem ist es schon amüsant zu erfahren, wie rigoros Matthau selbst die unlogischen Elemente des ursprünglichen Drehbuchs sezierte und selbst Abhilfe schaffen wollte, oder wie sich einige interessante Stuntdetails gerade aus Fehlschlägen ergaben. Allerdings verschweigt das Booklet nicht, dass Matthau, der seine Bedenken von Siegel nicht hinreichend berücksichtigt sah, nach dem Dreh keine Gelegenheit ausließ den Film öffenlich herunterzuspielen. Universal verlor daher vorzeitig das Interesse und unterließ eine geschickte Vermarktung. Dennoch ist der Film zu recht bei Kritikern und Cineasten immer eine feste Thrillergröße gewesen und liegt hier nun würdig auf DVD vor. Wer den Retrolook, coole Filmmusik und clevere Thriller liebt, sollte zugreifen.
(kh)
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