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(Anti)Kriegsfilm
Intimate Enemies
geschrieben von klaus_h am 13. Aug 2008
French Platoon
Es ist schon merkwürdig. Der wichtigste französische Antikriegsfilm ist eine US-Produktion und stammt von Stanley Kubrik: "Wege zum Ruhm". Defätismus gefiel der Grande Nation noch nie. Doch während die Amerikaner ständig ihr Vietnam-Trauma filmisch hochpäppelten, vernachlässigten die Franzosen die Bewältigung ihres eigenen Indochina- und Algerien-Trauma. Bis jetzt. Denn Regisseur Florent Siri ("Hostage - Entführt") hat einen harten und kompomisslosen Blick auf den Verlust der Menschlichkeit im Algerienkrieg geworfen.
Intimate Enemies
Frankreich - 2007
Veröffentlichung: 25.07.08
Regie: Florent Emilio Siri
Darsteller: Benoît Magimel, Albert Dupontel, Aurélien Recoing, Lounès Tazairt, Marc Barbé, Mohamed Fellag u.a.
"Nochmal"-Faktor: sehr hoch
Unsere Wertung: 99%
FSK: 16
Laufzeit: 106 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch / Französisch Dolby Digital 5.1 / DTS
Extras:
• Audiokommentar des Regisseurs Siri zusammen mit dem Filmkritiker Jean Baptist Thoret
• Bildergalerie (Slideshow mit Musik)
• O-Trailer
Algerien, 1959. In einem Krieg, den Frankreich erst 1999 offiziell als solchen anerkennt, kämpfen die Rebellen der FLN gegen die seit 150 Jahren beherrschende Kolonialmacht Frankreich in einem von beiden Seiten brutal geführten Guerillakampf, der auch die Zivilisten mit einbezieht. Am Anfang des Films erleben wir eine völlig missratene militärische Operation, bei der im "freundlichen Feuer" ein Leutnant von seinen eigenen Leuten erschossen wird.
Als Ersatz kommt der junge Idealist Leutnant Terrien (Benoît Magimel: "Sky Fighters", "Selon Charlie", "Die purpurnen Flüsse I und II"), der schon bald erkennen muss, dass ihm die hiesigen Soldaten - allen voran der desillusionierte Indochina-Veteran Sergeant Dougnac (Albert Dupontel: "So ist Paris", "Cash Truck") - in ihrer Abgeklärtheit einiges voraus haben. Jeder Einsatz wird zur erneuten Initiation Terriens, der trotz allen menschenverachtenden Zynismus, der Brutalität beim Einsatz sogenannter "Spezialkanister", d.h. Napalm, und Folter, seine Integrität bewahren möchte.
Am Ende kommt Terrien zum Schluss, dass die größte Gefahr in diesem Krieg nicht etwa der Gegner oder gar der eigene Kamerad (wie in "Platoon") ist, sondern die Unberechenbarkeit der eigenen Persönlichkeit und wie sie mit das perverse Kriegsgeschehen verarbeitet. Während der Monte Cassino-Veteran Said (Lounès Tazairt) es als Handwerk verdrängt, gerät es beim teuflischen Kommandanten Vesoul (Aurélien Recoing: "Der Feind in mir") zur göttlichen Vaterlandmission und bei Dougnac zur einzigen Aufgabe, die er noch hat.
Aber Siri macht es dem Betrachter nicht leicht, da er enthüllt, dass für den unbedarften Idealisten diese Konfrontation zum Verlust der eigenen Identität gehen kann - ein Fazit, dass das des US-Vorbilds "Platoon" bei weitem übertrifft. Überhaupt versteht es Siri dank einer versierten Bildsprache, die bekennend Anleihen beim Western und Sergio Leone sowie bei "Apocalypse Now" macht, sowie dem Einsatz von Schulter- und Bodykamera das Grauen des Krieges in dauerhafte und dennoch ästethische Bilder zu kleiden. Auch gelingt ihm die Charakterzeichnung selbst der Nebenfiguren überzeugend.
Wenn am Ende gar die Perspektive des ursprünglichen Helden wechselt, hat Siri gekonnt die Erzählebenen vertauscht, um desto glaubwürdiger zu werden. Der Audiokommentar gehört zu den besten Beispielen seiner Zunft, da Siri sehr gut erklärt, warum er die einzelnen Kameraeinstellungen symbolisch wählte und auch auf die besonderen Drehbedingungen und die Besetzung eingeht. Ich hätte z.B. nicht gedacht, dass sämtliche Hubschrauber komplett CGI-mäßig animiert worden sind.
Hinter dem sperrigen Filmtitel, den der deutsche Vertrieb mit dem etwas irreführenden "Der Feind in den eigenen Reihen" garnierte, verbirgt sich einer der besten Antikriegsfilme der letzten Jahre, mit fulminanter, desillusionierender Action und Gewalt, hervorragend von seinen Akteuren gespielt und dank Alexandre Desplat mit einem epischen Score verziert. Optisch ist der in Marokko gedrehte Film eine Augenweide und moralisch ein kompletter Erfolg für Siri.
Da Drehbuchautor Patrick Rotman ("Der Krieg ohne Namen") ein echter Kenner der Materie ist und wahre Erlebnisse in die Story eingearbeitet hat, spricht aus dem Film sehr viel Authentizität. Schade nur, dass manche diesen Film inhaltlich nicht vollkommen verstehen können, da sie sich nicht auf ihn einlassen werden und nur wegen der gekonnt eingefangenen Actionszenen darauf zurückgreifen werden.
(kh)
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