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Thriller
Zelle
geschrieben von klaus_h am 07. Jul 2009
Die üblichen Terrorverdächtigen
Wie entsteht eine islamische Terroristengruppe mitten in Deutschland? Dieser absolut zulässigen Frage geht der intelligent und geschickt gemachte Erstlingsfilm Bijan Benjamins nach, indem er mit den Möglichkeiten der Realität und des Genres als vorwiegend psychologische Charakterstudie ein Beziehungsgespflecht von fünf Persönlichkeiten entwirft. Außerdem bietet der Film dem "Murat" aus der "Lindenstraße" (Erkan Gündüz) sogar den gelungenen Sprung ins Charakterfach - ein Grund mehr für eine unerwartete Klientel diese DVD unter die Lupe zu nehmen.
Sprachen und Tonformate: Deutsch / tw. Türkisch / tw. Arabisch Dolby Digital 2.0
Bildformat: 16:9, 1,85:1
Untertitel: nada
Extras:
• Interviews
• Trailer
Dabei kamen wir in der Redaktion relativ unerwartet zu dieser DVD. Oft erhalten wir von den Vertrieben unverlangtes Material zugesandt. Teilweise bleiben die Silberscheiben solange liegen, bis das aktuelle Tagesgeschäft "abgearbeitet" ist. Dann enthüllt der Griff zum "Unverlangten" manchmal verborgene Perlen, bei denen es sich auch um Abschlussarbeiten von Filmhochschulen handeln kann. Thema und Besetzung reizten zusätzlich.
Am Anfang des Films sehen wir die pixeligen Aufnahmen eines in Schutt & Asche versinkenden U-Bahnhofs im Kölner Zentrum sowie eine Reporterin die vom Ebertplatz aus den vermeintlichen Terroranschlag kommentiert. Im YouTube- und Twitter-Zeitalter ein durchaus berechtigter Einstieg ins Thema, kaschiert er ebenso die beschränkten technischen Möglichkeiten der Produkiton wie die Schwächen unserer heutigen Realitätswahrnehmung.
In verschachtelten Rückblenden erleben wir nun wie der fortschrittlich denkende irakische Maschinenbaustudent Tariq (Yunus Cumartpay) vier Männer um sich "rekrutiert", die alle zwei gemeinsame Nenner haben: sie sind Muslime und von der empfunden Bigotterie des Westens abgestoßen. Der eloquente, charismatische und zutiefst gläubige Tariq ist kein rückschrittlicher Fanatiker, aber geschickter Manipulator, der aufgrund seiner Psychologie allen überlegen ist. Dabei wird deutlich wie durchbrochen deren Motive sind.
Der geschiedene Taxifahrer Mesut (Erkan Gündüz, "Lindenstraße"), den Spielschulden und Alimente drücken, leitet seine eigene Ohnmacht gegen die türkischen Kredithaie gegen den anonymen westlichen Unterdrücker ab, da dieser dafür verantwortlich sei, dass alle Muslims "sich untereinander fertigmachen würden". Wie Gündüz sein Rollensujet aus der Endlossonntagsserie geschickt mit echter tragischer Größe vertieft, zeigt deutlich, dass er zu viel mehr als Quoten-Seriendarsteller berufen ist.
Der stoische "Sarajevo" (Kasem Hoxha), ein bosnischer Moslem, dessen Frau und Kinder durch die Serben getötet wurde, besitzt noch die nachvollziehbarsten Motive, verharrt aber bisher in seinem inneren Vulkankegel. Der von seiner eigenen Familie verstörte und verstoßene Deutsche Marc (Aurel von Arx) hat im Islam Erleuchtung wie Familienersatz gefunden. Der Türke Levent (Atilla Oener) hingegen bleibt sowohl der Zelle als auch uns ein zu offenkundiges Rätsel.
Denn seine Telefonate mit der deutschen Freundin, sein Verhalten und etliche Andeutungen lassen den Verdacht aufkommen, dass er eventuell ein "Maulwurf" der deutschen Polizei sein könnte. Und der Wettlauf beginnt, bevor einige der "Zelle" überhaupt kapieren, dass Tariq einen Anschlag plant. In Zeiten nach dem 11. September, der Sauerlandzelle und den geplanten Anschlägen auf Bahnhöfe im Bundesgebiet ist die filmische Aufarbeitung, wie so etwas überhaupt möglich ist, ansprechend gelöst worden.
Sicherlich ein Verdienst der überwiegend guten Darsteller, wobei ausgerechnet der viel beschäftigte Atilla Oener als Levent erschreckend abfällt. Wirklich anspruchsvolle Rollen scheinen ihm nicht zu liegen. Als positive Entdeckungen neben Günüz sowie dem Regisseur muss man Cumartpay, Hoxha und von Arx sehen, die sich für weitere anspruchsvolle Aufgaben empfehlen. Positiv ist die Aufnahme ins Programm von Renaissance Medien in ihre seit Februar 2009 bestehenden Reihe "Neue Deutsche Filme" (s.a. "Neun Szenen", "Polska Love serenade", "Was ich von ihr weiss"), die mit diversen Interviews abgerundet wurde. Ärgerlich sind jedoch die immer wieder eingestanzten Editfehler, die für jeweils ein Frame in manchen Szenen "aufblitzen". (kh)
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