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Komödie
 Polska Love serenade
geschrieben von klaus_h am 23. Jul 2009

Deutsch-Polnisches Roadmovie

Umschlag-CoverRoadmovies folgen ihren eigenen Gesetzen. Man spannt stets ein ungleiches Duo unter widrigen Verhältnissen zusammen und lässt sie ihrem gemeinsamen Ziel zueilen, wo sich die beiden Antipoden meist finden. Hatte man das in Deutschland zuletzt mit "Erbsen auf halb 6" schon perfekt umgesetzt, so muss sich diese schräge Komödie der Regisseurin Monika Anna Wojtyllo auf gar keinen Fall verstecken. Denn in einigen Szenen ihres Films gelingt sogar die deutsch-polnische Völkerverständigung.

Polska Love serenade
Deutschland - 2007
Veröffentlichung: 07.05.2009
Regie: Monika Anna Wojtyllo
Darsteller: Claudia Eisinger, Sebastian Schwarz, Katharina Wackernagel, Sigrid Siewor, Ryszard Wojtyllo, Andrezy Galla, Lucja Burzynska, Christoph Lesyenyneski, Bozena Baranowska, Darius Milinski u.v.a.m.
"Nochmal"-Faktor: sehr hoch
Unsere Wertung: 96%
FSK: 12
Laufzeit: 75 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch 2.0 (z.T. Polnisch)
Bildformat: 16:9, 1,85:1
Untertitel: Deutsch (funktioniert nur bei polnischem Text), Polnisch, Englisch
Extras: • Making of (11:43 min)
• Teampremiere (16:56 min)
• Audiokommentar Wodkarausch mit Team
• Audiokommentar Fachgespräch mit Ton, Schnitt u. Regie
• Audiokommentar Kaffeekränzchen mit Schauspiel, Drehbuch (Jonas Grosch) u. Regie
• Kurzfilm "Hog Heaven"
• Soundtrack (Anwahl funktionierte leider nicht über das Menü)
• Bildergalerie (vom Dreh)
• Trailer 1 u. 2
Dass allerdings ein Film, der zu Weihnachten in der polnischen Walachei spielt, im Mai(!) herausgebracht wird und uns unbestellt im Juli in den Redaktionsbriefkasten rutscht, hat bereits eine unfreiwillige Komik. Aber irgendwie ist ja überall Weihnachten - Endzeitstimmung, Trostlosigkeit, das Leben geht seinen Lauf und zur krampfhaften Fröhlichkeit unserer Umgebung sollen wir ein freudiges Gesicht aufsetzen - also her mit der DVD. Dank diesen Griffs in die Lotteriekiste wurde ich überaus positiv überrascht.

BeispielDenn die Figuren haben Charakter, die Geschichte besitzt einen schönen schrägen Humor, dem sowohl die Polen als auch die Deutschen etwas abgewinnen können, und eine gewisse bohemianhafte Romantik, die ich zuletzt im deutschen Film beim Roadmovie "Im Juli" gesehen habe. Doch zurück zum Film: am 23. Dezember hoppelt Anna (Claudia Eisinger, "Meer is nich") mit ihrem klapprigen Golf I namens "Herbie" bei Görlitz über die Grenze. Die chronisch klamme Studentin benötigt dringend Kohle und hofft nun, dass selbst bei ihrem Wagen der billige Polen-Witz "kaum in Polen, schon gestohlen" wahr wird.

Doch zunächst möchte ihn wohl trotz steckendem Zündschlüssel niemand haben, während sie in einer bescheidenen Gastwirtschaft wartet. Stattdessen platzt der steife, angehende Jurist Max (Sebastian Schwarz) in die Wirtschaft hinein und versucht - sehr deutsch! - auf englisch ein Taxi zu erfragen. Bei "Leisure Suit Larry II" hätte man jetzt gehört, "there are no taxis in this game", aber Max versteht die dralle Gastwirtin (Sigrid Siewor) auch so. Woraufhin er sich aufgrund des Berliner Kennzeichens an Anna wendet.

BeispielDer ist Max eigentlich suspekt, aber hier im Nirgendwo scheint der Wagen wohl kaum geklaut zu werden. Da klingt sein Reiseziel, die Kleinstadt Lubomirsz aka Liebenthal schon attraktiver. Somit hätten wir das Ziel, das Reiseduo, das Fahrzeug, die winterlich-widrige Umgebung und die Grundstimmung. Denn zu allem Übel soll der linkische Max tatsächlich in Lubmirsz alte Familiengrundstücke zurückklagen, was die resolute Anna strikt ablehnt, als sie es aufgrund der alten NS-Dokumente herausfindet.

Doch die Fahrt hat so einige Überraschungen für sie parat: einen Herrgottschnitzer, der an einem menschlichem Paar unentwegt weiterschnitzt und wiederholt ihre Wege kreuzt, einem wunderbringenden und zwinkernden Johannes-Paul II.-Papstbildchen, einem schweineschlachtenden, abschleppenden Weihnachtsbürgermeister (Ryszard Wojtyllo, "Großstadtrevier"), Po-kneifenden Schutzengeln bzw. pragmatischen Pfarrern (Christoph Lesyenyneski), der Jungfrau Maria, einem schwangeren Weihnachtskönig (Katharina Wackernagel, "Bloch", als 'Kathy Wodkanagel') und der skurrilsten Weihnachtsmahlszene seit Loriot mit den gastfreundlichsten Gastgebern aller Zeiten (Andrezy Galla & Bozena Baranowska)!

Dass es zwischen beiden Hauptdarstellern funken wird, ist von der Konstellation von Anfang an klar, aber das "wie" ist derart charmant und dennoch glaubhaft entworfen worden, dass man ohne bekannte Gesichter bei der Stange bleibt. Claudia Eisinger, vom ersten Eindruck her ein sympathisches Dutzendgesicht, hat wohl mit die schönsten Augen im neuen deutschen Film und den gewissen bodenständigen Charme ohne kitschig zu sein. Sebastian Schwarz hingegen ist so sehr die Verkörperung des spießigen Jungjuristen, der stets nächste Fettnäppfchen ins Visier nimmt, dass man ihn einfach gerne haben muss.

BeispielMan erfährt auf humorvolle Weise sehr viel über die deutsch-polnischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede, sowie die sympathischen Bräuche der Polen zu Weihnachten. Denn wer würde schon in Deutschland einen zusätzlichen leeren Teller am Weihnachtsabende in Gedenken an Maria & Joseph eindecken - mit der Verpflichtung jeden, der unangemeldet dann an die Türe klopft einzuladen!? Einmal darf man raten, an welchen Tisch Anna & Max dabei geraten... Gerade jene Szene ist Gold wert. Doch nun zu den Extras:

Bereits das "Making of" ist so wie sein sollte: keine glatten Promotioninterviews sondern der ganz reale Wahnsinn einer zeitlich knapp bemessenen Low Budget-Produktion von gerade einmal 27.000 € (inkl. 10.000 € von arte) als Diplomarbeit der Regisseurin und des Toningenieurs Daniel Griese, bei der das Wetter so gar nicht mitspielen wollte. Doch drei Audiokommentare lassen einen zunächst stutzen, zumal sich Monika Anna Wojtyllo tatsächlich dreimal die Mühe gemacht hat. Der spaßigste ist sicherlich jener "Wodkakommentar", in der die fast komplette Crew samt Hauptdarsteller alkoholseelig und zotig Anekdoten vom Dreh preisgibt. Tontechnisch sauberer ist jener mit dem Cutter und/oder der Hauptdarstellerin Claudia Eisinger, der Wojtyllo nach drei Vierteln des Films doch tatsächlich mal einen Hinweis auf die Uhrzeit geben muss, da sie einen weiteren Termin hat und nur zufällig hinzu kam.

Nina Traiser, Jonas Grosch, Claudia Eisinger, Agneszka Nowak, Moritz Wessendorff, Armin MobasseriSomit erfährt man aber unheimlich viel Hintergrundwissen zur Produktion, z.B. dass Eisinger keinen Führerschein hat und bei den 15 Takes der Grenzüberfahrt einmal beinahe mit dem Zollkontrollhäuschen kollidierte, um wenig später tatsächlich im Graben zu landen, dass 'Herbie' in Wirklichkeit in einem guten Zustand war und eigentlich dem Bruder des Produktionsdesigner gehörte - und warum er dies später bereute, dass die Regisseurin auch sich und dem Kameramann Dennis Pauls im Zug als Maria & Josef, das übrige Team als Sternensinger (siehe Bild) ihre gesamte Familie und die Wohnung ihrer Tante in Breslau, sowie deren Kochkünste für die Weihnachtsszene rekrutierte - aber dennoch alle ihren Spaß hatten, und schließlich, warum 200.000 Polen nicht über ein benutztes Kondom in einer Kirche lachen können...

Fazit: "Polska Love serenade" ist unheimlich witzig, märchenhaft, skurril romantisch und bestimmt etwas für die stillen Tage, aber manchmal von einem augenzwinkernden Reiz, dass er der Völkerverständigung ein wenig näher kommt. Nicht umsonst wird er zur Zeit in diversen Goethe-Instituten gezeigt (vgl. Homepage von "Polska love serenade"). Zwei der Features waren bei unserem Presseexemplar über das Menü nicht anwählbar. Bei den Verkaufs-DVDs liegt dieser Fehler nicht vor und auch die Audiokommentare haben eine bessere Tonqualität. Bild (gute Kameraführung von Dennis Pauls, "Mondscheinsonate", Zitat Wojtyllo: "Dennis ist Spitze. Da brauchst du keinen Kamerakran. Der klettert überall 'rauf. Spart Geld") und Ton des komplett digital gedrehten Film sind auf gutem Niveau. Neben "Zelle" und "Was ich von ihr weiss" ist "Polska love serenade" eine weitere positive Aufnahme ins Programm von Renaissance Medien in ihre seit Februar 2009 bestehenden Reihe "Neue Deutsche Filme".

Wissenswertes: Der "Herrgottsschnitzer" oder "Schöpfer" ist der in seiner Heimat Polen recht bekannte Bildhauer Darius Milinski, der alle im Film vorkommende Schnitzfiguren während des Drehs anfertigte. Auf dem Sternsängerfoto sieht man übrigens Kostümbildnerin (Nina Traiser), Drehbuchautor (Jonas Grosch), Claudia Eisinger, Maskenbildnerin (Agneszka Nowak), Produktionsleiter (Moritz Wessendorff) und den 2. Kameramann (Armin Mobasseri) (v.l.n.r). Wenn das mal keine Teamarbeit war ;) (kh)


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