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Thriller
The International
geschrieben von klaus_h am 16. Okt 2009
Bad Bank
James Bond hat es meist mit größenwahnsinnigen Milliardären zu tun, die nach der Weltherrschaft streben, Officer McClane (Bruce Willis) rettet die Welt in der Regel gegen gierige Terroristen. Doch Interpol-Agent Louis Salinger (Clive Owen, "King Arthur", "Sin City", "Inside Man", "Hautnah", "Entgleist") wird in Tom Tywkers ("Das Parfüm") zeitgemäßen Thriller-Debüt zur Bankenkrise mit der modernen Inkarnation des Bösen konfrontiert: einer buchstäblichen Bad Bank, die den internationalen Waffenhandel steuern möchte, um die Kontrolle über die Schulden zu gewinnen.
The International
USA - 2009
Veröffentlichung: 17.09.09
Regie: Tom Tykwer
Darsteller: Clive Owen, Naomi Watts, Armin Mueller-Stahl, Ulrich Thomsen, Brian F. O'Byrne, Luca Barbareschi, Axel Milberg, Peter Jordan, Haluk Bilginer, Jack McGee, Ian Burfield u.a.
"Nochmal"-Faktor: dank Tywker & den Extras durchaus vorhanden
Unsere Wertung: 90%
FSK: 16
Laufzeit: 113 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch / Englisch Dolby Digital 5.1
Bildformat: 16:9, 1,77:1
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Extras:
• Making of (ca. 22 min)
• Feature: Guggenheim Museum (Bericht über Bau & Dreh) ca. 6 min
• Feature: Der Look der Architektur (Bericht über Scenescouting & Dreh) ca. 5 min
• Feature: Die VW-Stadt (Bericht über Vorbereitung & Dreh) ca. 5 min
• Audiokommentar v. Tom Tykwer, Griebe und Cutterin Mathilde Bonnefoy (dt.)
• Audiokommentar v. Tykwer u. Drehbuchautor Eric W. Singer (engl. mit UT)
• Trailer
Denn: "Es geht nicht um die Kontrolle des Waffenhandels. Es geht um die Kontrolle der Schulden - denn erst die gibt einem die Macht," äußert die graue Eminenz des Gegners, Wilhelm Wexler (Armin Mueller-Stahl, "Kafka", "Illuminati") später in einem der Kerngespräche im Verhör gegenüber Salinger. Tatsächlich versucht die in Luxemburg ansässige International Bank of Business and Credit (IBBC) über Mittelsmänner und aufwändige Startup-Geschäfte die Kontrolle über den Handel mit Handfeuerwaffen an sich zu reissen.
Als zu Anfang des Films Salingers Partner, Thomas Schumer (Ian Burfield, "The Inspector Lynley Mysteries") am pompösen neuen Berliner Hauptbahnhof gerade das Gespräch mit einem wichtigen Informanten verlässt, erleidet er auf offener Straße einen tödlichen Herzinfarkt. Salinger will ihm noch zur Hilfe eilen, wird jedoch vom Außenspiegel eines Lieferwagens niedergestreckt und liegt nun parallel in ähnlicher Haltung seinem Kollegen - der eine versinkt in die Bewusstlosigkeit - der andere in die Agonie des Sterbens...
Bereits in jener gut gefilmten Eingangssequenz wird klar, dass es hier nicht mehr um die Ernsthaftigkeit hochrangiger Wirtschaftskriminalität wie in "Schwarz Rot Gold" geht, sondern es in Wahrheit selbst bei der IBBC um's nackte Überleben geht. Schließlich erledigen sich für sie all ihre Rücklagen, sollte das erste große Geschäft, das auf tönernen Füßen steht, scheitern. Darum ist dem Konzern um den sinistren dänischen Machiavelli-Typen Jonas Skarssen (Ulrich Thomsen, "Adams Äpfel") jedes Mittel recht.
Nachdem auch der Informant einem merkwürdigen Unfall zum Opfer fiel, wendet sich jedoch ihr wichtiger Zwischenhändler Umberto Calvini (Luca Barbareschi) gegen die Bank. Der italienische Schwerindustrielle, der auch für das Amt des Ministerpräsidenten kandidiert, will Salinger und der New Yorker Staatsanwältin Whitman (Naomi Watts, "21 Gramm", "Tödliche Versprechen", "Attentat auf Richard Nixon"), nach seiner Wahlkampfrede in Mailand auf der Plaza di Duce D'Aosta noch weiterführende Informationen geben, als er in JFK-Manier von einem Attentäter (Brian F. O'Byrne, "The New World") aus großer Entfernung erschossen wird und ein zweiter linksgerichteter Attentäter als vermeintlicher Sündenbock herhalten muss. Bei dieser Szene betonen Tywker und Griebe im Audiokommentar ausdrücklich die Nähe zu Zinnemanns "Der Schakal" und die Tradition des europäischen Politthrillers.
Da Whitman und Salinger nun annehmen, dass die IBCC nun auch ihren "Consultant" liquidieren möchte, machen sie sich daran ihn zu jagen, um einen Kronzeugen zu gewinnen. Denn alle vorherigen Beweise verschwanden in den Mühlen der Justiz oder wurden kurzfristig manipuliert. Nach widrigen Recherchen scheinen sie ihn im New Yorker Guggenheim-Museum stellen zu können - doch auch hier hat die Gegenseite ihre Killer bereits in Stellung gebracht. Bei einem mörderischen Feuergefecht in der kunstvollen Architekturkulisse wird gewissermaßen eine neue Weiche gestellt...
Kommen wir zuerst zu den Stärken des Films. Tom Tywker hat damit bewiesen, dass er sehr vielseitig ist und auch einen soliden Verschwörungstthriller inszenieren kann. Dies schafft er vor allen Dingen, indem er wie gewohnt seine übliche Mitstreiter mit Frank Griebe für Kamera und Uli Hanisch (Production Design) für Ausstattung, sowie die Musik (Reinhold Heil, Johnny Klimek) verpflichtete.
Bei den überaus gelungenen Spannungs- (das Attentat, die Verfolgungsjagd in Istanbul) und Actionszenen (der Showdown im Guggenheim Museum) griff er u.a. auf eine kleine versierte Schar von Stuntleuten zurück, die ihn schon bei früheren Filmen unterstützten, aber mit "V for Vendetta", "Alien vs. Predator", "Resident Evil", "Duell - Enemy at the Gates", "Elementarteilchen", "Beste Gegend" und "Buddies - Leben auf der Überholspur" weitere positiven Visitenkarten abgeliefert hatten.
Die vielen internationalen Sets (Berlin, Mailand, Lyon, New York, Luxemburg und Istanbul) wirken erstklassig in Szene gesetzt und rechtfertigen den hohen Anspruch des Films. Tywker hat, um die Entmenschlichung der heutigen Welt zu verdeutlichen, bewusst pompöse Bauten der Postmoderne in seinen Film eingebunden: der o.e. Berliner Hauptbahnof, die Wolfsburger Autostadt für das IBBC-Hauptquartier) das Guggenheim Museum in New York, das Pirelli Hochhaus in Mailand und das Phaeno als 'Calvini Defense' am Iseo-See in Norditalien.
Mit den schnellen Wechseln zwischen den jeweiligen Schauplätzen und der Vielzahl von Akteuren will man sicherlich die Globalisierung glaubhaft machen, stößt aber beim Zuschauer insbesondere im ersten Drittel des Films auf Aufmerksamkeitsprobleme, da die Story zum Teil dank des unschlüssigen Drehbuchs und einiger Logiklöcher (allzu rasch überlaufende Kronzeugen & Killer, was hat ausgerechnet die New Yorker Staatsanwaltschaft damit am Hut?!) ins Trudeln gerät und viel zu kleinen Texteinblendungen aufgrund der hypermodernen Schrifttype kaum zu lesen sind.
Erst mit dem Rückgriff auf die klassischen Elemente des Thrillers gelingt Tykwer nach rund 35 Minuten wieder der Aufschwung auf's Spannungstrapez, welches mit dem immerhin glaubwürdigem Ende eine gute Kür beendet. Schauspielerisch liefert Clive Owens eine solide Leistung des besessenen Jägers ab, der mir jedoch trotz des großen Mitarbeiterstabs zu sehr der einsame Wolf ist. Zumal der Widerspruch zur klassischen Ermittlertätigkeit der Interpolbehörde offensichtlich ist.
Wenigstens hat man uns trotz der überflüssigen und blassen Figur der Staatsanwältin einen wir auch immer gearteten Love Interest (der gottlob im Schnitt verschwand, wie die "Entfallenen Szenen" enthüllen) erspart. Doch hier folgte man wohl dem Rat des Studios, wenigstens eine Frau zentral im Film einzubinden. So gesehen ist das Kinoplakat und auch das DVD-Cover eine der schönsten Lügen - in der fraglichen Einstellung hat Owen mitnichten ein kühles Blondes an seiner Seite sondern einen kühlen Killer, mit dem er zwecks Überlebens nun paktiert.
Bei den übrigen Schauspielern stechen Ulrich Thomsen und Brian F. O'Byrne durch die Glaubhaftigkeit ihrer verkörperten Rollen hervor. Armin Mueller-Stahl wird erneut nach "Operation Peacemaker" das traurige Los zuteil ein geläutertes Ost-Relikt zu spielen. Hier macht er es derart resigniert und müde, dass man sich ständig fragt, warum die Bank nicht früher merkt, dass er zum Überläufer werden wird? Axel Milberg ("Böse Nacht Geschichten", "Unsere 50er Jahre") und Peter Jordan ("Der Mann im Strom") gefallen hingegen sehr in kleinen Rolle zu Anfang des Films und selbst Ben Whishaw ("Das Parfüm") muss als 'Rene Antall' irgendwo im Film versteckt gewesen sein.
Zu den Extras:
Die umfangreichen Extras enthüllen eindrucksvoll, wie groß der Anteil des Teams um Tykwer an der Umgestaltung eines - wie der Produzent ehrlich zugibt - dokumentarmäßigen Drehbuchs gewesen ist. Selbst bei vielen Szenen, inbesondere dem Showdown über dem großen Basar in Istanbul hörte Tywker lieber auf seine Locationscouts, um unvergessliche Bilder zu schaffen, anstatt auf ein in Stereotypen basierendes Drehbuch eines Newcomers zu bauen.
Wer zudem bei den Extras sieht, wie umfassend die Prager CGI-Schmiede UPP im aufwendigsten Effekt die komplette Außenstruktur des eigentlich seit Jahren verhüllten Museums "enthüllte", kann nur den Hut ziehen. Gleiches gilt für die Rekonstruktion des Innern in zwei Schüben (Etage 1-4 und 3-7 im Innern eines baufälligen Lokomotivschuppen in Berlin durch Art Director Sarah Horton, "Æon Flux", "In 80 Tagen um die Welt"). Die Audiokommentare sind wie immer bei Tykwer tadellos, offen, ehrlich, humorvoll und anschaulich. Dank der Extras gewinnt die DVD noch einmal mindestens 10% in der Wertung.
Fazit:
Tom Tykwers erste Regiearbeit für ein Studio (Columbia/Sony) beweist, dass er trotz eines schwächelnden Drehbuchs einen soliden Verschwörungsthriller mit herausragenden Action- und Tricksequenzen drehen kann. Allem Anschein nach hat er sogar einen so guten Ruf in Hollywood, dass man nur wg. seines Statements Berlin & Co. extra in den Film einbaute und es ihm aufgrund der angestrebten Filmschärfe auch erlaubte, viele Szenen in 65 oder gar 70 mm zu drehen. So gesehen ein Meisterstück, das allen US-Regisseuren zeigt, dass man auch aus schwachen Drehbüchern einen ansprechenden Film machen kann. (kh)
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