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Musik-DVD
La Bohème
geschrieben von klaus_h am 24. Okt 2009
Leben, Leiden und Liebe der Bohème
Giacomo Puccinis Oper "La Bohème" über die tragische Liebe des armen Poeten Rudolpho zur schönen Kunststickerin Mimì im Bohème-Milieu während des 19. Jahrhunderts in Paris ist eine der bekanntesten Opern der Musikgeschichte und wohl auch die typischste für Puccini. Also liegt es nahe zwei der im Moment renommiertesten Vertreter ihrer Kunst, Anna Netrebko (Sopran) und Rolando Villazón (Tenor) zu einer beeindruckenden Opernverfilmung antreten zu lassen. Robert Dornhelms Werk als Co-Produktion des ORF und ZDF mit der Deutschen Grammophon ist überaus gelungen.
La Bohème
Deutschland/Österreich - 2008
Veröffentlichung: 23.10.09
Regie: Robert Dornhelm
Darsteller: Anna Netrebko, Rolando Villazón, Nicole Cabell, George von Bergen, Boaz Daniel, Adrian Eröd, Tiziano Bracci, Vitalj Kowaljow, Ioan Holender u.a.
"Nochmal"-Faktor: sehr hoch, ein würdiger Opernabend
Unsere Wertung: 100%
FSK: 12
Laufzeit: 109 min
Sprachen und Tonformate: Italienisch Dolby Digital 5.1 (es ist nun einmal das Original-Libretto!)
Bildformat: 16:9, 2.35:1
Untertitel: Deutsch
Extras:
• Making of
• Feature: Bau des Sets
• Feature: Aufnahme des Tons für den Film & CD
• Audiokommentar
• Interviews mit Anna Netrebko, Rolando Villazón & Robert Dornhelm
Puccinis Markenzeichen - der Verzicht auf eine durchgängige Handlung und eine Beschränkung auf vier Szenenbilder - erweist sich für die Verfilmung als Glücksgriff. Denn erst damit wird die opulente Ausstattung und das aufwändige Set ermöglicht. Wenn man das optisch beeindruckende Ergebnis sieht und hört, kann man kaum glauben, dass die Produzenten Jan Mojto und Kurt J. Mrkwicka ("Falco - Verdammt, wir leben noch!") auf den österreichisch-rumänischen Regisseur Dornhelm ("Into the West", Oscar-Nominierung für die Ballett-Dokumentation "The Children of Theatre Street") nach dessen Historien-TV-Verfilmung "Krieg und Frieden" mit dem Angebot herantraten, "mal ein kleineres Projekt zu machen, eine kleine Opernverfilmung..."
Dornhelm verlegt die Handlung der 1896 uraufgeführten Oper von den 1830er Jahren geschickterweise in das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, was zum einen die Ausstattung erleichtert und zum anderem auch unserem bildlichen Verständnis der Bohème entspricht. Kostüme (s.a. d. Uniformen der Soldaten), Architektur und Dekor (man beachte das Baudatum "1888" auf dem Zolltor) passen somit also haargenau auf jene Ära, in der Puccini die Oper nach der Novelle "Scènes de la vie de Bohème" von Henri Murger verfasste. Lediglich im Text fällt einem hier und da eine historische Unstimmigkeit auf, wenn etwa "vom König" in Zeiten der Republik gesungen wird.
Doch kommen wir zur Geschichte: In ärmlichen Verhältnissen leben der Dichter Rudolfo und der Maler Marcello (George von Bergen; Gesang: Boaz Daniel) in einer Atelierwohnung im winterlichten Paris. Halb erfroren zünden sie eines der Theatermanuskripte Rudolfos an, da farbgetränkte Leinwand zu sehr stinkt. "Ah, aus deiner Liebesszene schlagen die Funken", meint Marcello ironisch. Wenig später bekommen sie Besuch von dem lebensbejahenden Musiker Schaunard (Adrian Eröd) und dem abgeklärten Philosophen Colline (Vitalij Kowaljow).
Schaunard hat einen Gönner, einen alten britischen Lord ausgetrickst. Er sollte seinem Papagei Musikunterricht geben, bis das dieser tot sei. Angeödet von dem unmöglichen Auftrag becircte er das Dienstmädchen und fütterte den Vogel mit Petersilie, woraufhin dieser erstickte. Als Abfindung bringt er den Freunden jede Menge Wein und Essen sowie den Rest des Geldes, das er als Abfindung erhalten hat. Übermütig feiern die vier Künstler und übertölpeln selbst ihren Vermieter Benoit, um erneut die Miete zu prellen.
Da es der Weihnachtsabend ist, beschließen sie in ihr Lieblingslokal, dem Café Momus, zu gehen. Rudolfo bleibt zurück, weil er noch einen Artikel beenden möchte, als seine wunderschöne Nachbarin Mimì an seine Tür klopft, um Feuer für ihre erloschene Kerze zu bitten. Nachdem beide ihr bescheidenes Leben ungeschminkt (Mimi) bzw. ironisch (Rudolfo) ["Che gelida manina" - Sì. Mi chiamano Mimì"] vor einander bekannt haben, verlieben sie sich in einander. Daraufhin folgen die Beiden Rudolfos Freunden ins Café, wo Mimì, da sie den innerlich abgestorbenen Rudolfo mit neuem Leben erfüllt, mit großem Hallo begrüßt wird.
Lediglich Marcello scheint verstimmt, will aber dennoch Rudolfo das Glück gönnen, als plötzlich der Grund für seine Verstimmung das Lokal betritt: seine ehemalige Geliebte Musetta (Nicole Cabell) erscheint in Begleitung ihres greisen wohlhabenden Verehrers Alcindoro (Ioan Holender, Gesang: Tiziano Bracci). In Spottversen besingen die Künstler die lasterhaften Untugenden Musettas, die ihrerseits in einer temperamentvollen Arie kontert und den alten Galan austrickst, um sich wieder der Gruppe anzuschließen. Alles scheint perfekt, doch Mimì ist bereits von der Tuberkulose gezeichnet. Wird Rudolfo mit ihrer Erkrankung umgehen können oder ist ihre Liebe zum Scheitern verurteilt?
All diejenigen, die als echte Opernfans von hypermodernen oder minimalistischen Operninszenierungen profilneurotischer Pseudo-Regisseure an großen Bühnenhäusern vergrätzt worden sind, werden diese Verfilmung genießen, die eindrucksvoll demonstriert wie gut auch alle beteiligten Sängerinnen und Sänger "schauspielern" können. Dass die attraktive russische Sopranistin Netrebko Bühnenflair und erotisches Charisma besitzt, sieht man sogleich. Bei dem etwas froschäugigen mexikanischen Startenor Villazón hatte ich so meine Zweifel, aber er besitzt eine göttliche Stimme und bringt mit Vervé sein schauspielerisches Talent ein. Wie sehr er dabei mit jeder Phrase rang, zeigt er eindrucksvoll im Interview bei den Extras.
Gefallen hat mir - im Gegensatz zu einigen Kritikern - ebenfalls die kalifornische Sopranistin Nicole Cabell als Darstellerin der Musetta, die ich zuvor noch nicht kannte, da sie die Ambivalenz ihrer Figur zwischen Flatterhaftigkeit und Herzensgüte gut meisterte und in ihrer Klangfärbung eine passende Ergänzung zu der sonstigen Besetzung ist. Robert Dornhelm beweist bei seiner Inszenierung viel Geschick, wenn er etwa das Quartett im dritten Bild ohne große Überblendungen als gegenseitige Umrahmung filmt oder auch die dramatischen Erlebnisse viel dynamischer gestaltet, wie es auf der Bühne möglich wäre.
Das Bonusmaterial ist überzeugend. Hervorzuheben ist der Beitrag zu Gestaltung des Sets in drei großen Hallen in den Wiener Rosenhügel-Filmstudios, im Maßstab 1:1 als teilweise Kulisse, in die man in den fraglichen Szenen per Schneekanone den passenden Niederschlag einsetzte. Dabei gerieten die Bauten so groß, dass man das Filmteam beinahe nicht mehr unterbringen konnte. Doch auch das Feature zu den unterschiedlichen Schwerpunkten der Tonaufnahme mit dem Bayrischen Radio Symphonieorchester ist gelungen. Denn Musikdirektor Bertrand de Billy macht deutlich, dass Klassikfans von Verfilmungen immer eine Kompromisslösung aus Bühnen- und CD-Fassung verlangen.
Fazit:"La Bohème" ist neben "Der Barbier von Sevilla", "Carmen" und "Die Zauberflöte" nicht nur eine der besten Opern, um selbst Nichtkenner in diese Musikform einzuweihen, sondern auch endlich - obwohl es bereits der 22. Versuch seit 1911 ist - adäquat verfilmt worden. Bild- und tontechnisch derart überzeugend, dass die Dolby Surround-Anlage an die Peak-Grenzen gefordert wird, sowie mitreissend gespielt, lohnt sich der Griff zu dieser DVD auf jeden Fall!
Wissenswertes:
Das von uns bereits besprochene Musical "Rent" basiert auf "La Bohème". Der unten angegebene Soundtrack wurde bereits ein Jahr vor Beginn der Dreharbeiten aufgenommen, sodass teilweise im Film die Stimmen anderer Sänger erklingen, die jedoch für den eigentlichen Dreh nicht mehr verfügbar waren. So übernahm Tiziano Bracci auf der CD und im Soundtrack gleich drei Stimmen: den Hausbesitzer Benoit, den Galan Alcindoro und den Zöllner. Bei den Dreharbeiten sangen jedoch alle ihren Part live, um das Timing für den Schnitt zu ermöglichen. (kh)
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Mitglied seit: Aug 21, 2004
Artikel: 1372
Location:Solingen
Geschrieben am:24. Okt 2009 - 09:42
Sagen wir es einmal so: ihre Managerin/Gesangslehrerin weiß absolut wie man sie verkaufen muss.
Cecilia Bartoli, die ich sehr schätze, hat in einem Interview in "Die Zeit" einmal gesagt, dass kaum jemand "schön aussehe", wenn er "schön singe" - das Ganze sei einfach viel zu anstrengend. Die Bartoli macht sich über ihr eigenes Aussehen währenddessen bei Konzerten auch schon einmal lustig. Die Netrebko hingegen bekommt es als ohnehin attraktive Frau (insofern man auf den Typ steht) immer hin dabei auch noch gut auszusehen.
Bei der vorliegenden Filmproduktion war sie übrigens im 3. oder 4. Monat schwanger, sodass sie etwas fülliger aussah, wodurch man ihr die lungenkranke Mimì nicht in jeder Szene abnimmt. Was ihre Rollengestaltung jedoch ausmachte, war, dass sie diese - enger am Libretto liegend - Mimì durchaus als Kokotte darstellt, denn immerhin wird im Text ja deutlich, dass sie in jener Zeit der Trennung bis kurz vor ihrem Tode die Mätresse eines Grafen war. Das ist dann unbestritten der Vorteil der Untertitel.
_________________ God bless the Internet.(American Pie)