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Romantisch
Erbsen auf halb 6
geschrieben von klaus_h am 02. Dez 2004
Jenseits der Dunkelheit
Der Regisseur Lars Büchel ("Jetzt oder nie - Zeit ist Geld") geht in der wunderschönen, romantischen Tragikömödie "Erbsen auf halb 6" der Grundidee nach, wie sich zwei Blinde in einander verlieben könnten.
Denn wenn sich die Therapeutin Lilly (Fritzi Haberlandt, "Kalt ist der Abendhauch", "Nichts als Gespenster") und ihr "Patient", der zynische Jakob (Hilmir Snær Guðnason, "Blueprint", "Möwengelächter"), zum ersten Mal treffen, kann von "Liebe auf den ersten Blick" nun wirklich keine Rede sein.
Erbsen auf halb sechs
Deutschland, 2003
Veröffentlichung: 02.12.04
Regie: Lars Büchel
mit: Fritzi Haberlandt, Hilmir Snær Guðnason, Tina Engel, Harald Schrott, Alice Dwyer, Max Mauff u.a.
"Nochmal"-Faktor: jederzeit
Unsere Wertung: 97 %
FSK: 6
Laufzeit: ca. 111 min
Sprachen und Tonformate:
Deutsch Dolby Digital / Blindenkommentar 2.0 u 5.1
Bildformat: 1:2,35 / 16:9
Untertitel: Deutsch, Englisch
Extras:
• Making of inkl. Castingaufnahmen
• Erbsen auf halb 6 auf Super8
• Outtakes/Deleted Scenes
• Regiekommentar mit der Hauptdarstellerin
• komplette Menüführung für Blinde
In einer aufwändigen Parallelmontage erfahren wir, warum der Theaterregisseur Jakob erblindete. Bei strömenden Regen bückte er sich in seinem Käfer nach dem heruntergefallenen Zigarettenanzünder, stürzte ins Hafenbecken und erlitt ein stumpfes Trauma. Währenddessen sieht man Lilly, die das Wasser der Dusche genießt, denn durch den Regen bekommt die Welt eine Silouette für die von Geburt an Blinde.
Im Reha-Zentrum wird sie ihm als Betreuerin zugeteilt, da er als selbstmordgefährdet gilt. Doch Jakob weigert sich an das Leben als Blinder anzupassen. Um seine Mutter vor deren Tod ein letztes Mal zu sehen, versucht er in einem irrwitzigen Roadmovie nach Onega in Rußland zu reisen. Aber Lilly ist nicht leicht abzuschütteln - ohne sie wäre er ja verloren. "Wenn der Teller eine Uhr ist, bei welcher Uhrzeit liegen z.B. die Erbsen?", ist nur eine ihrer Lektionen für Jakob.
Verfolgt von Mutter Regine (Tina Engel "Die Blechtrommel") und Freund Paul, die zunächst an Entführung glauben, irren alle vier nun durch phantastische Landschaften voller Poesie, Witz und skurriler Charaktere. In einer sehenswerten Nebenhandlung verführt die nymphenhafte Schwester Lillys (Alice Dwyer: "Das Lächeln der Tiefseefische", "Was ich von ihr weiss") ihren allzu schüchternen Mitschüler (Maximilian Mauff: "Kombat Sechzehn", "Das Jahr der ersten Küsse") zum parodistischen Strippoker und der ersten sexuellen Erfahrung.
Büchel führt als Drehbuchautor eine straffe Regie, die sich auch kleine Nebenhandlungen erlauben kann. Unabdingbar beim Gelingen seiner bildhaften Darstellungen ist die brilliante Kamerarbeit von Judith Kaufmann und die geniale Filmmusik (Berghaus/Hansen/Reichardt). Diese fand eine gute Synthese klassischer und moderner Rythmen, die in diesem Jahr mit dem "goldenen Filmband" prämiert wurde.
Angesichts des Selbstbewusstseins einer Fritzi Haberlandt, das wunderbar zu ihrer Rolle passt und der mürrischen Verbohrheit, welcher der isländische (!) Gaststar - in seiner Heimat längst ein Star - uns hier diese Liebesstory präsentieren, halte ich diesen Film für die beste deutsche Produktion der letzten Jahre.
Was vor Jahren Caroline Link mit "Jenseits der Stille" bei den Gehörlosen gelang, erreicht Büchel ebenfalls - ohne Melodramatik einen beschwingten Blick auf das völlig andere Leben Behinderter zu werfen und Verständnis für deren Bedürfnisse zu erwecken. Da verzeiht man dem Team ein paar logische Sprünge, weil die Personen umso mehr fesseln.
Die DVD selbst ist ein echtes Muss für den Sammler optimaler Ausstattungen und liebevoller Details: Eine komplette Alternativ-Menüführung, die interaktiv auch für Blinde gestaltet wurde. Wohl einzigartig und höchst lobenswert. Daneben gehört der Audiokommentar im Dialog zwischen Haberlandt und Büchel ebenfalls zu den lehrreichen und spaßigen Lektionen, bei denen ich den Film einen Tag später gleich noch einmal sehen wollte. Ein gutes "Making of" sowie eine nostalgisch verspielte Super-8-Doku zum Film runden den wertvollen Film nahezu perfekt ab. Das einzige Manko ist der Umstand, dass die "Entfallenen Szenen" nicht ebenfalls mit dem Voice over für Blinde versehen sind.
Wer also die gelungen Addition von Romantik, Komödie und Anspruch erleben möchte, sollte schnell seinen Wunschzettel dementsprechend ausfüllen - es lohnt sich! (kh)