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Komödie
Die Ohrfeige
geschrieben von klaus_h am 27. Sep 2005
Vom Frust des Erwachsenwerdens
Der Drehbuchautor und Gelegenheitsregisseur Claude Pinoteau ("La Boum") hatte stets ein Händchen, junge weibliche Talente wie Sophie Marceau zu entdecken und zu fördern. Auch bei der damals 18-jährigen Isabelle Adjani strickte er eine Geschichte um den Reifeprozess einer rebellischen jungen Frau, der er mit Annie Giradot ("Rocco und seine Brüder") und Lino Ventura ("Die Schrecken der Medusa", "Les Misérables (1982)") gleich zwei der besten französischen Charakterdarsteller Mitte der 1970er-Jahre als Filmeltern "spendierte". Das Ergebnis wurde 1974 als Komödie präsentiert und geizt nicht mit Cameos anderer bekannter Darsteller.
Die Ohrfeige
Frankreich 1974
Veröffentlichung: 04.07.05
Regie/Buch: Claude Pinoteau
mit: Isabelle Adjani, Lino Ventura, Annie Girardot, Robert Hardy, Francis Perrin, Jacques Spiesser, Nathalie Baye
"Nochmal"-Faktor: muss nicht sein...
Unsere Wertung: 50 %
FSK: 12
Laufzeit: 99 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch, Französisch Dolby Digital 2.0
Bildformat: 1,85:1
Untertitel: Französisch, Deutsch für Hörgeschädigte
Extras: Fehlanzeige
In "La Gifle" geht es nicht, wie diverse andere Rezensionen stets angeben, darum, dass Isabelle (identischer Rollenname) ihre getrennten Eltern trickreich zusammenführt, sondern um den Loslösungsprozess zwischen alleinerziehendem, autoritären Vater (Ventura) und Tochter.
Jean Doulean ist Lehrer der Oberstufe am College Louis le Grand, einer der besten Schulen Frankreichs in Paris. Helene (Giradot) hat ihre Familie vor zehn Jahren verlassen, um ihrem Forscherdrang nachzugehen und Jean hat seine Tochter trotz der beruflichen Doppelbelastung (er verfasst noch Drehbücher fürs Schulfernsehen) großgezogen.
Als etwas abseitiger Katalysator der Geschichte erweist sich die mehr zufällige Konfrontation Douleans mit seinen mit der Studentenrevolte der 68er-Zeit sympathisierenden Schüler, vor deren Boykott er ohmächtig und verbittert kapituliert. Doch als er sieht, wie zwei Männer einen einzelnen seiner Schüler brutal zusammenschlagen, tritt er dazwischen. Im anschließenden Handgemenge bricht er einem von beiden die Nase (ja, schließlich war Ventura mal französischer Meister im Ringen!), um festzustellen, dass er Polizisten in Zivil Widerstand geleistet hat. Nun droht seine erzwungene Demission und der Rückzug in die Provinz. Gerne würde der verschlossene Akademiker sich jemanden mitteilen, aber seine Tochter hört einfach nicht zu.
Denn Isabelle drängt in ihrem ersten Jahr im Medizinstudium nach Unabhängigkeit, möchte eventuell mit ihrem eifersüchtigen Freund Marc (Perrin) zusammen ziehen und nervt Zuschauer und Vater mit ihren hysterischen Anfällen, als sie nach verpatzter Prüfung (gut eingefangen!) ihren Vater zu einer Ohrfeige provoziert, die man witzigerweise nicht sieht, sondern nur hört! Dieser Kunstgriff erinnert mich ein wenig an Budd Boettichers Trick, Randolph Scott in einem Film nie die Waffe ziehen zu lassen, um die Schnelligkeit der Aktion zu betonen.
Folglich flieht Isabelle mit dem Bruder ihrer Freundin Christine (Natalie Baye!) Remi nach England, wo ihre Mutter mit dem Landadeligen Robert (Robert Hardy, den die jüngeren als Cornelius Fudge aus "Harry Potter" kennen, während die ältere Generation ihn nur als "Siegfried Farnon" aus "Der Doktor und das liebe Vieh" sehen möchten) zusammenlebt, um auch ihrem allzu lästigen Marc zu entfliehen. Hier wird sich die Lösung des Konflikts entwickeln.
Eigentlich hätte man aus der Story zwei Filme machen können. Der Konflikt um den Lehrer ist viel interessanter entwickelt und von Ventura auch glaubhafter interpretiert. Zwar gelingt es ihm, den mal sehr stillen, dann wieder ungestümen Vater-Tochter-Konflikt gut zu spielen, wobei die Adjani einen wunderschönen hysterischen Anfall bekommt, aber letztlich interessierte mich dieser Teil der Story weniger.
Ärgerlich bei dem Film ist die schnodderige Synchronisation der 70er-Jahre, die auf Teufel komm raus' Gags produzieren möchte und inhaltliche Fehler erzielt. In einer schönen Parallelszene, in der Isabelle zeigt, dass sie auch passabel steppen kann, sagt im französischen Original einer der Statisten etwas absolut Unverständliches. Die Synchro haut dabei den "Knaller" "Du machst mich ganz wuschig, wie du tanzt" heraus, was sich beim Untertitel dann als "Du tanzt ganz toll" liest. Grottenschlecht - und dies ist nur ein Beispiel.
Wer sich den Film ansehen möchte, bekommt gute Schauspieler in einer zerfahrenen Story, die zuviel möchte und eine Adjani, die hier in ihrem sechsten Film einen noch sehr jugendlichen Charme ohne Schönheitsoperation versprüht. Offenbar hat man später ihre allzu großen Schneidezähne und einen Überbiss korrigiert. Doch schon bei der Garbo war dies ein gängiger Modus im Filmgeschäft. Da dieses zwiespältige Werk (weder Komödie noch Drama) aber ein wichtiger Baustein in der Karriere Isabelle Adjanis ist, stellt es für mich einen berechtigten Teil der Isabelle-Adjani-Collection dar, von derem Kauf ich persönlich jedoch abraten möchte, wenn man nicht gar ein 150%-Fan ist.
Zwei dieser Filme sind einfach nur enervierend und "Antonieta" ist zwar ambitioniert, aber letztlich missglückt. Das Fehlen jeglicher Extras ist noch ein zusätzliches Manko. Meine Favoriten "Ein mörderischer Sommer", "Camille Claudel" und "Die Bartholomäusnacht" wären mit Sicherheit passender als Hommage gewesen. (kh)
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