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Drama
Willenbrock
geschrieben von klaus_h am 17. Nov 2005
Neben der Spur
Es gibt sie doch: Literaturverfilmungen mit Anspruch, die als Geschichte zu packen wissen. "Willenbrock" nach dem gleichnamigen Roman von Christoph Hein stellt uns einen bemerkenswerten Antihelden von 45 Jahren am Scheideweg zwischen Kapitulation und Schicksalsbewältigung vor. Dies ist vor allen Dingen das Verdienst einer straffen Regie Andreas Dresens ("Halbe Treppe") und des bestechenden Spiels des Hauptdarstellers Axel Prahl, der die Ambivalenz seiner Figur wunderbar einfängt.
Willenbrock
Deutschland 2005
Veröffentlichung: 17.11.05
Regie: Andreas Dresen
Darsteller: Axel Prahl, Inka Friedrich, Anna Ratte-Polle, Dagmar Manzel, Tilo Prückner, Vladimir Tarasjanz u.a.
"Nochmal"-Faktor: jederzeit
Unsere Wertung: 100%
FSK: ab 12
Laufzeit: 105 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch Dolby Digital 2.0 u. 5.1
Bildformat: 16:9, 2,35:1
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Extras: • Audiokommentar des Regisseurs
• Ausführliches Making of als "Beobachtungen eines Regiepraktikanten"
• Deleted Scenes
• Outtakes
Am Anfang des Films sehen wir einen Mann in Panik über eine verschneite Brücke laufen. An die Brust drückt er ein Bündel. Wir können nicht sehen, was er in den Armen hält, aber seine Augen sind voller Tränen, das Gesicht voller Verzweiflung. Ist es eine Waffe, die er in die Elbe werfen wird? Oder wird er sich gar das Leben nehmen?
Mit diesem geschickten Einstieg erfahren wir gleich das Gebrochene der Figur Bernd Willenbrock (Prahl, "Befreite Zone", "12 Winter"). Denn der Gebrauchtwagenhändler ist eigentlich der stets optimistische Wendegewinner aus dem Osten. In einer schönen Loop-Einstellung hält Willenbrock seinen Wagen konstant auf der Spur und spricht dazu: "Ich kam aus einer Stadt, in der sich alle ständig beschwerten und traurig waren. Ich nicht - ich lachte nur und versuchte das Beste aus meinem Leben zu machen." Mehr zufällig ist der arbeitslose Diplomphysiker ins Verkaufsgeschäft geraten, hat dort aber dank Charisma und Bauernschläue ein schönes Vermögen gemacht.
Dies erlaubt ihm seiner hübschen, aber unselbständigen Frau Susanne (Inka Friedrich) eine leider nicht funktionierenden Boutique einzurichten. Den deprimierenden Misserfolg ("Dann finden wir halt was anderes für dich") tut er einfach ab. Schließlich war es mit einer Kunstgalerie ganz ähnlich. Den gescheiterten Kinderwunsch und die inhaltliche Leere seines Lebens kompensiert er in einer alten Liebschaft zur Professorin Vera und einer leichfertigen Affäre mit der zwanzig Jahre jüngeren Studentin Anna, der Tochter seines Nachtwächters Karl (Prückner: "Voll daneben - Gags mit Diether Krebs"). Jedesmal nach vollzogenem Seitensprung kehrt Bernd reuig mit Rosenstrauß zur Gattin zurück, die er immer noch liebt. Wenn man die kleinen listigen Augen in dem gar nicht schönen Gesicht unseres Helden sieht, fragt man sich, was die Frauen und die Kunden an ihm finden?
Es ist sein unerschütterlicher Optimismus, aber eben auch seine Oberflächlichkeit, die keine Probleme bereitet. Doch erste Risse in seinem heilen Kosmos machen sich bemerkbar. Zum wiederholten Male verschwinden dank der Russenmafia Autos von seinem Hof, die Versicherung hat längst gekündigt und die stoffelige Polizei verdächtigt dennoch lieber ihn, anstatt jeder Spur nachzugehen. Eines Nachts werden seine Frau und er Opfer eines brutalen Einbruchs, bei dem sie nur dank ihrer verzweifelten Panik überleben können. Fortan verliert Willenbrock seine Gradlinigkeit, kommt in jeder Beziehung aus der Spur - im Geschäft wie bei den Frauen.
Als ihm ausgerechnet einer seiner besten Kunden, der zwielichtige Dr. Krylow, eine Pistole zwecks Selbstverteidigung schenkt, gerät Willenbrock endgültig ins Straucheln. Wird er zum Totschläger, kann er seine Ehe retten oder verfällt er dem Wahn der Ohnmacht?
Kenner des Buches werden gemerkt haben, dass einige Figuren (z.B. Krylow) gegenüber dem Roman zu kurz kommen und die Geschichte von Berlin nach Magdeburg verlegt wurde. Dies tut der wundervoll verfilmten Geschichte jedoch keinen Abbruch, die andere Stärken zu finden versteht. Wenn man das pointiert agierende "Duell" zweier Paare im Antiquitätenladen um ein gräßliches Biedermeierbett verfolgt, (passive Ehemänner, Willenbrock sein Verhältnis kaschierend, während sich Vera und die kunstverständige Susanne bis aufs Blut verbal reizen) dann ist das großes Theater. Und der Regisseur setzt noch eine Portion Humor darauf: Denn im Anschluss muss Willenbrock wie Atlas das Himmelsgewölbe den zentnerschweren Giebel des Bettes beim Zusammenbau festhalten.
Bis in die kleinste Nebenrolle gut gespielt war die dramatische Tragikomödie für mich die beste deutsche Produktion, die dieses Jahr auf DVD herausgekommen ist. Als psychologische Studie schon von der Grundanlage interessant ist es erstaunlich, dass der Regisseur in seiner ersten regelrechten Kinoproduktion derart gut gearbeitet hat. Allerdings hatte er, wie man bei dem ausführlichen "Making of" sehen kann, ein eingespieltes Team hinter der Kamera parat. So hat Kameramann Michael Hammon absolut verdient den Deutschen Kamerapreis 2005 gewonnen. In einigen Besprechungen konnte man oft die Vergleiche mit den Werken von Mike Leigh oder Ken Loach lesen.
Für mich übertrifft Dresen diese beiden dank seiner Fähigkeit im Team zu einer straffen Präsentation zu finden. Axel Prahl ist aus meiner Sicht endgültig einer der besten deutschen Charakterschauspieler, der in dieser Rolle (man beachte den Blick hinter die Kulissen) auch viel physischen Einsatz gezeigt hat. Die absolut vollständigen und ausführlichen Extras (bei denen man einmal lernt, wie man einen Kameraschatten tarnt) runden eine perfekte DVD ab, die ich allen Freunden von niveauvollen Filmen empfehlen darf. Denn hier wird nicht nur Nahrung für den Kopf und das Herz geliefert, auch der Humor kommt nicht zu kurz. Zitat Krylow: "Reserviert ist kein deutsches Wort. Ist deutsche Eigenschaft." (kh)