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Drama
Titanic
geschrieben von klaus_h am 02. Dez 2005
Die Propaganda-Katastrophe
Keine Angst, liebe DVD-Maniacs! Es gibt nicht schon wieder eine Sonderedition des Blockbusters von James Cameron, die man unbedingt kaufen müsste. Hier handelt es um die Verfilmung aus dem Jahre 1943, die ein begabter Unterhaltungsregisseur namens Herbert Selpin (der Steven Spielberg der damaligen UFA, "Sergeant Berry", "Trenck der Pandur") im Dienste der Nazipropaganda zur Diffamierung des britischen Finanzadels drehen "durfte". Wie handwerklich und dramaturgisch geschickt Selpin dabei vorging, so dass Cameron sich Jahrzehnte später ungeniert dabei an Szenensträngen, Motiven und Einstellungen bediente, verdeutlicht eine der DVD beigefügte längere Dokumentation. Dies macht aus einem Film, den man eigentlich gar nicht gut finden möchte, interessante und lehrreiche Unterhaltung.
Titanic
Deutschland, 1943
Veröffentlichung: 20.06.05
Regie: Herbert Selpin, Werner Klingler
Darsteller: Sybille Schmitz, Hans Nielsen, Ernst Fritz Fürbringer, Karl Schönböck, Otto Wernicke, u.a.
Sprachen und Tonformate: Deutsch Dolby Digital 2.0
Bildformat: 4:3
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Extras: Ausführliche Dokumentation über die Entstehung des Films und den Einfluss der Reichskulturkammer, Original-Trailer
Die Katastrophe von 1912 muss man wohl keinem Leser mehr schildern. Meine Kurzangabe: Überhöhte Ambitionen scheitern am Eisberg auf der Nordatlantikroute und erschüttern die Fortschrittsgläubigkeit der Belle Epoque, während tausende Einzelschicksale zum ersten weltweiten Medienereignis werden. In Selpins Fassung unterstellt man der White Star Linie und ihrem Inhaber Bruce Ismay (Fürbringer) willkürliche Aktienmanipulationen, um vorsätzlich den Kurs der Gesellschaft auf einen Tiefpunkt zu treiben. Bei der Jungfernfahrt soll dann die "Titanic" den Weltrekord, sprich das Blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung, erringen, woraufhin die Kurse selbstverständlich in die Höhe schnellen werden. Doch zuvor hätte sich Ismay über Strohmänner die Aktienmehrheit mit großem Gewinn gesichert.
Dass diese an den Haaren herbeigezogene Konstruktion meilenweit an der historischen Realität vorbeiging, hatten schon damalige UFA-Gutachter angemerkt. Weder war das Schiff für eine Rekordfahrt konstruiert worden, noch wäre es dazu in der Lage gewesen. Die finanzielle Schieflage der Reederei trat zudem erst nach dem Unglück ein. Doch so etwas war den Nationalsozialisten, allen voran Joseph Goebbels egal: Der einzige sympathische Offizier an Bord muss natürlich der deutsche 1. Offizier Petersen (Nielsen) sein, der sich engagiert gegen Rekordfahrt und Nordroute wendet. Den echten 1. Offizier Murdock unterschlägt man uns dabei. Der Millionär John Jacob Astor (Schönböck), der wahrscheinlich als einer der wenigen Reichen an Bord eine gewisse moralische Größe besaß, indem er auf einen Sitzplatz im Rettungsboot zugunsten seiner jungen schwangeren Frau verzichtete, wird hier zum eiskalten, machtbesessenen Finanzspekulanten, der Ismays Pläne durch Gegenkäufe ebenso manipuliert.
So übt sich der Film in moralinsaurer Schwarz-Weiß-Malerei und hat dabei doch im Gegensatz zu früheren Verfilmungen bessere Spezialeffekte, spannendere (Panikszenen) und prägendere Momente. Die Aufnahmen der Heizer im Maschinenraum, der pumpenden Machinenkolben, die tödlichen Schüsse des Offiziers auf Zwischendeckpassagiere, der vom Zahlmeister unter Deck eingeschlossene Passagier und der folkloristische Tanz auf dem Zwischendeckfest werden später von Cameron adaptiert, dessen Film nüchtern betrachtet fast ebenso antibritisch ist wie Selpins Fassung.
Witzigerweise hat hier der Tanz der Pseudo-Zigeunerin (La Jana) einen eindeutig erotischen Charakter: Ein absolut durchsichtiges Top und deutlich zur Schau gestellte Brüste bei lasziven Zuckungen in Close Shots war den prüden Amerikanern wohl zu heftig, lockte aber wohl den vereinnahmten Naturistenkult der Nazis. Angeblich hatte Goebbels den Einsatz seiner Favoritin in diesem Film betrieben.
Andere Einstellungen wie die Vierfach-Parallelmontage zum Höhepunkt des Films sind sogar später erst von Robert Altmann in den 80er Jahren wieder in ähnlicher Perfektion angewendet worden. All diese interessanten Details und noch viel mehr über das tragische Schicksal der Hauptdarstellerin Sybille Schmitz ("Tanz auf dem Vulkan"), einem mehr düsteren Star der UFA, deren Leben Rainer-Werner Fassbinder später verfilmen sollte ("Die Sehnsucht der Veronika Voss") , erfährt man in der kenntnisreichen Dokumentation, welche der eigentliche Impuls für den Kauf dieser DVD sein kann.
So wird denn auch die ganze Tragik dieses unglückseeligen Projekts enthüllt. Selpin war ein Purist, der die Katastrophenszenen wirklich nachts auf der "Cap Ancona" in Gotenhafen drehen wollte. Dies wurde von der Heeresleitung wegen der gebotenen Verdunkelung untersagt, woraufhin Selpin sich beklagte. Der opportunistische Drehbuch-Co-Autor Walter Zerlett-Olfenius "verpfiff" ihn daraufhin bei der Gestapo wegen Wehrkraftzersetzung. In der Gefangenschaft soll Selpin sich dann unter ungeklärten Umständen das Leben genommen haben. Klingler vollendete den Film, der jedoch weiterhin unter einem unglücklichen Stern stand.
Denn den Nazis erschien das Werk nun als zu pessimistisch. Sie hatten offenbar unterschwellig Angst, dass der Untergang gar mit dem drohendem Zerfall des NS-Reiches gleichgesetzt werden würde. So zeigte man den Film während des Krieges nur im besetzten Frankreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg verhinderten die Alliierten seine Aufführung aus nachvollziehbaren Gründen zunächst lange Zeit, während der Film hingegen in der späteren DDR als antikapitalistisches Werk hochwillkommen war. Ein größere Ironie konnte dem Film, der jedoch ein gutes Lehrbeispiel an Schulen für Propaganda-Filme sein könnte, wohl nicht beschieden sein. Für alle eingeschworenen Titanic-Fans ist die DVD jedoch ebenfalls ein "Muss", da z.B. auch Szenen der ersten Verfilmung von 1912 und anderer Verfilmungen in der Dokumentation enthalten sind. Leider fehlen im Gegensatz zur englischen DVD-Edition einige Originalaufnahmen (zeitgenössische Pressetrailer u. Standbilder) sowie der historische Promotionfilm über das Schwesternschiff der Titanic, die Olympic. Da der englischen Fassung jedoch ihrerseits die Dokumentation fehlt, kann man dieses leichter verschmerzen. (kh)
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