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(Anti)Kriegsfilm
Die durch die Hölle gehen
geschrieben von klaus_h am 28. Mar 2006
The Deer Hunter
Ende der 70er Jahre galt das Vietnam-Trauma in den USA als Tabu. Überraschend konnte Michael Cimino mit seinem fünffach Oscar-preisgekrönten Antikriegsfilm diese Regel brechen. Gleichzeitig begründete das Werk die Karrieren dreier junger Schauspieler (Robert De Niro, Christopher Walken und Meryl Streep). Grund genug, eine besonders gut ausgestattete Doppel-DVD auf den Markt zu bringen, die diesem Stellenwert Rechnung trägt.
Die durch die Hölle gehen
USA - 1978
Veröffentlichung: 21.02.06
Regie: Michael Cimino
Darsteller: Robert De Niro, Christopher Walken, John Savage, Meryl Streep, John Cazale u.a.
"Nochmal"-Faktor: sehr hoch
Unsere Wertung: 95% (Abwertung aufgrund der Tonqualität)
FSK: ab 16
Laufzeit: ca. 175 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch Mono/Englisch Dolby Digital 5.1
Bildformat: 16:9, 2.35:1 (anamorph)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Deutsch für den Audiokommentar
Extras:
• Audiokommentar m. Michael Cimino, Kameramann Vilmos Zsigmond u. e. Filmkritiker
• Making of = Interview mit Cimino, Zsigmond u. Savage (ca. 55 min)
• Filmografien der fünf Hauptdarsteller
• Fotogalerie als Slideshow
• Hintergrundinformationen über Schlüsselszenen (6 Bildschirmseiten)
• Booklet (11 Seiten)
• Fotogalerie als Slideshow
• Presseheft als PDF-Datei
• Trailer
Als dieses Projekt startete, wollte ausgerechnet nur der Plattenriese EMI das heiße Eisen Vietnam anpacken, sodass Cimino bereits mit seinem zweiten Film nach "Den Letzten beißen die Hunde" ein brisantes Mammutwerk vor sich hatte, auf das er sich mit seiner berühmt-berüchtigten Perfektions- und Improvisationswut stürzte. Ein versagender Drehbuchautor, sabotierende Cutter, fehlende Stuntmen und katastrophales Wetter sowie die Pläne der produzierenden Firmen (United Artists war hinzugestiegen), den schwer krebskranken Cazale gegen den Willen Ciminos zu feuern, konnte das fast drei Stunden lange Meisterwerk nicht aufhalten.
Wie später Peter Weir in "Gallipoli" interessiert es auch Cimino zu zeigen, aus welchen Verhältnissen seine Helden kommen. Aber er geht sogar weiter, da er eindeutig zeigt, was später aus den Überlebenden, körperlich oder seelisch verkrüppelten Veteranen nach dem Krieg werden kann. Also breitet er vor uns den Mikrokosmos einer kleiner stahlproduzierenden Stadt in der Nähe Pittsburgs im so genannten "Rust Belt" aus: Schwere Arbeit an den Hochöfen, eine verschworene, russischstämmige Männergemeinschaft mit rustikalen Ritualen und soliden Begriffen von Freundschaft, Ehre und Versprechen.
Mike Wronsky (eine schöne Anspielung auf Tolstois "Anna Karenina"), gespielt von De Niro ("Godsend", "Der Sternwanderer") ist quasi das Alpha-Männchen dieser Truppe, zu der der ruhige Nick (Walken, oscarprämiert für diese Rolle, "Man on Fire", "Vendetta - Die Gangs von New Orleans") und der leicht verklemmte Steven (Savage, "Crossing Guard", "White Squall") gehören. Im Vorfeld der ausgiebig gezeigten Hochzeit Stevens entwickelt Cimino die einzelnen Charaktere: Streep ("Adaption", "The Hours", "Julie & Julia") als die zwischen Nick und Mike stehende Ikone und auch den verhinderten Gigolo Stan (Cazale, "Der Pate", in seiner letzten Rolle), der als einziger der vier nicht auf die Einberufung nach Vietnam wartet. Direkt vor der Hochzeit gehen die Männer wie gewohnt zur Jagd auf Hirsche in den Bergen. Bei der eindrucksvoll gefilmten Jagd fragt Nick Mike, wieviel Schüsse notwendig sein sollten, um ein Leben zu beenden. "Nur ein einziger", meint Mike lakonisch und steht voll hinter seinen Worten, die für beide eine verhängnisvolle Nachwirkung haben sollen.
Im Verlauf der Hochzeit bittet Nick Mike als dem erkennbar stärksten der Truppe ihn auf jeden Fall nach Hause zu bringen. Nach dem harten Schnitt befinden wir uns mitten in Vietnam. Die GIs geraten in Vietkong-Gefangenschaft. Dabei spielen ihre sadistischen Wärter ein grausames Spiel mit ihren Gefangenen, indem sie sie zwingen russisches Roulette zu spielen. Wer nicht mitspielt, kommt ins gefährliche Wasser unterhalb der Hausplattform, wo Schlangen, Ratten oder Krokodile lauern. Ausgerechnet diese Hölle wird auch für sie die Freiheit bedeuten, der eine wird körperlich zum Krüppel, der andere findet dort Gefallen am Spiel mit dem Tod und der Letzte versucht die Freunde vergeblich zusammen zu halten.
Der ehrliche und aufschlussreiche Audiokommentar enthüllt bald alle Geheimnisse des Films, wie z.B. den Widerspruch zwischen method acting (De Niro) und gesundem Menschenverstand (Cazale), den Beinaheabsturz des Hubschraubers mitsamt zweier Hauptdarsteller, Cimino und den Stuntleuten, als dieser sich in einem Brückenkabel verfangen hatte, die Beweggründe Ciminos in Thailand am River Kwai (!) zu drehen und, und, und... Derart viele substanzielle Infos werden nur selten auf einem Audiokommentar geliefert, da kann man das demonstrative "God bless america", das allerdings zur Schlussszene passt, auch noch verschmerzen.
Die auf der zweiten DVD befindlichen Interviews sind ebenfalls sehr gut. So ist es erschütternd, dem mittlerweilen von Hollywood bewusst ignorierten Cimino ("Heavens Gate") völlig körperlich zerrüttet als geistig wachen Film-Zombie amüsiert über seinen besten Film dozieren zu sehen. Wenn er beschreibt, wie Jane Fonda ihn nach der Oscar-Verleihung im Aufzug absichtlich übersieht, "obwohl sich unsere beiden Dinger (gemeint sind die Trophäen) fast berührten", dann hat das schon "etwas".
So ist es auch sehr gut, einmal die Perspektive eines Kameramanns bezüglich der Bild- und Farbsprache eines Filmes vorgeführt zu bekommen, während der immer noch sehr jugendliche Savage gekonnt die Sichtweise der Darsteller beschreibt. All dies hilft über den mäßigen Mono-Ton der deutschen Version hinwegzusehen, die in ein paar Szenen sogar leichte Verzerrungen aufweist. Also sollte man auch hier zur englischen Tonspur greifen.
Dennoch ein Kompliment an den Vertrieb, der hier zeigt, dass man sehr wohl Filmklassiker im ansprechenden Gewand für DVDManiacs herausbringen kann. Wäre der deutsche Ton gleichwertig gewesen, hätte man auch die volle Punktzahl vergeben können. Fazit: Trotz der Ton-Schwächen kaufen - derartige Klassiker gehören in (fast) jede Sammlung! (kh)
Diese DVD wurde uns freundlicher Weise von Gambu.de zur Verfügung gestellt.