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Musical
U-Carmen
geschrieben von klaus_h am 07. Jun 2006
Southafrican flow of music
George Bizets Oper "Carmen" über die fleischgewordene Versuchung in den Slums Sevillas, die den Männern reihenweise den Kopf verdreht und Don José um den Verstand bringt, um letztlich von ihm ermordet zu werden, ist wohl eine der bekanntesten Opern der Welt. Bereits als "Carmen Jones" zum Musical geworden, horcht die Welt zu recht auf, als ein ehrgeiziges Projekt einer südafrikanischen Theatertruppe dieses Meisterwerk in die exotische Xhosasprache übersetzt und das Geschehen in die Elendsverhältnisse des Townships Khayelitsha transportiert.
"Nochmal"-Faktor: hoher Kulturgenuss für Auge und Ohr
Unsere Wertung: 98%
FSK: ab 6
Laufzeit: ca. 122 min
Sprachen und Tonformate: Xhosa Dolby Digital 5.1
Bildformat: 16:9, 2,78:1
Untertitel: Deutsch
Extras:
Interviews mit Mark Dornford-May (5:52), Pauline Malefane (5:35), Andile Tshoni (3:53), Kinotrailer
Der (weiße) Theaterregisseur Dornford May hatte mit seiner Theatertruppe schon einige westliche Opern im Repertoire (so auch Carmen in der engl. Übersetzung), als sich herauskristallisierte, dass man die Chancen zu einem Filmprojekt bekommen würde. Da er während der Aufführungen der vergangenen Jahre bemerkt hatte, welche sozialkritischen Parallelen und Möglichkeiten in dem Werk von 1875 steckten, entschied er sich impulsiv und diktatorisch für Carmen und bat Pauline Malefane, die auch die Titelrolle spielen sollte, sowie Andile Tshoni, seine Assistentin und Darstellerin der Amanda, den Text insgesamt zu übersetzen.
Beide erschraken vor Ehrfurcht vor der Aufgabe, aber da sie ebenfalls das Potenzial des Stückes sahen, machten sie sich an die schwierige Aufgabe gerade den gesungenen Text sinnvoll umzusetzen. Stolz können sie auf die sechsmonatige Arbeit zurückblieben, denn Xhosa - mit Sicherheit eine der schwierigsten Sprachen für Indoeuropäer - hat mit seinen charakteristischen Klicklauten und der weichen Melodiösität eine ungeahnte lyrische Brillianz. Alle sehr vielseitigen Akteure der jungen Künstlertruppe (seit 2000) Dimpo Di Kopane sind darüber hinaus hervorragende Sänger, die auch international im Opernfach bestehen würden.
Wie in der Vorlage arbeitet Carmen (der einzige Name, der beibehalten wurde) in einer Zigarettenfabrik, sticht ihrer Kontrahentin ins Gesicht und wird von der Polizei des Townships gefangen genommen. Noch im Polizeibus betört sie den Brigadier Jongi (Andile Tshoni, aka Don José), der sie daraufhin entkommen lässt. Da sein Vergehen offenbar ist, entlässt man ihn unehrenhaft aus der Polizei. Jongi taucht in der Halbwelt des Townships unter, um mit seiner verzehrenden Liebe zusammen sein zu können.
Doch Carmen - der die Freiheit der freien Entscheidung über alles geht - schwärmt mehr für den gefeierten Sänger Lulamile Nkomo (Zweilungile Sidloyi, aka der Torero Escamillo), der es als Waise zum großen Star gebracht hat und nun zu seinen Wurzeln zurückkehren möchte. Jongi selbst - und darin unterscheidet sich die Fassung von der Vorlage Halévys und Meilhacs - war zudem in der Vergangenheit nicht ganz unschuldig am "Unfalltod" seines Bruders: Dieser hatte aus Eifersucht, Jongi hätte seiner Frau Nomakhaya (Lungelwa Blou) schöne Augen gemacht, ihn zur Prügelei gereizt. Ausgerechnet die Witwe, die Jongi wirklich liebt, kommt nun zu dem kaum zuhörenden Liebeswahnsinnigen, überbringt die Botschaft seiner sterbenden Mutter, deren Vergebung und die Bitte nun Nomakhaya (aka Michaela) zu heiraten.
Liebe, Hass, Eifersucht, Rache, Brudermord, Schmuggelei und Liebeswahn - bessere Voraussetzungen kann man auch heute kaum für eine romantische Tragödie finden! Und die Umsetzung ist überaus gelungen - nicht umsonst verlieh man diesem Film den Goldenen Bären der 55. Internationalen Filmfestspiele in Berlin 2005. Angesichts der versierten Inszenierung merkt man zwar, dass Dornford-May sich traumwandlerisch mit dem Stück auskennt, wenn man aber auch die gute visuelle Umsetzung vieler aktionsgeladenen Szenen sieht, glaubt man kaum, dass er das erste Mal Regie in einem Film ausübt.
Zwar ist das erste, was man in der Neufassung unberücksichtigt lassen musste, der Stierkampf - aber selbst hier taucht das Thema zweimal durch Kunstgriffe wieder auf: beim ersten Erscheinen Lulamiles sehen ihn die Frauen in einem Videoclip im TV - natürlich im Kostüm eines Torero. Die bessere Anspielung gelingt bei der Rückkehr zu dessen Wurzeln, denn in Zeiten der Apartheid (durch Rückblenden erklärt) kamen beide Elternteile ums Leben. Nun opfert er im Kraal im Beisein der Ältesten zu Ehren seiner Ahnen und der Stadtgemeinschaft einen Stier (!) mit dem traditionellen Kurzspeer der Zulu und das Fest beginnt.
Für Malefane, die selbst in einem derartigen Township aufwuchs, ist die Chance bestechend mit Hilfe des Films dessen Lebensverhältnisse zu zeigen, die man so - und da kann ich ihr nur zustimmen - trotz aller Farbigkeit nie zu sehen bekommen würde. Kultur auf hohem Niveau und kunstvolle Sozialkritik werden somit zusammengeführt. Bild und Ton sind erstklassig und vollvolumig, die Ausstattung in ihrer durchgehenden Symbolik und mit ihren metaphorischen Anspielungen passend, die Akteure sowie die Inszenierung im doppelten Sinne prall (die Akteure sind nach westeuropäischen Vorstellungen eher vollschlank, strotzen aber vor Agilität) und lebensecht.
Wer also die Oper, das Musical, den afrikanischen Film liebt oder einfach nur einmal über den kulturellen Tellerrand schauen möchte, ist mit diesem Meisterwerk bestens beraten. Zwar sind die Extras nicht überaus üppig, aber die wichtigsten Details werden von den drei Beteiligten im nicht untertitelten Interview dargelegt. Südafrika, wie man es nicht in der herkömmlichen Tourismuswerbung kennenlernt - es aber auf keinen Fall versäumen sollte! (kh)
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