10 kleine Sünderlein?
Ein einsames Motel in Nevada im Dauerregen. Ein Mann kommt herein mit einer blutenden Frau auf dem Arm und einem verstörten Kind an der Seite. Dazu John Cusack als Chauffeur der Möchtegern-Diva Rebecca de Mornay und sechs weitere verlorene Gestalten. Sie sind scheinbar den Mächten des Schicksals ausgeliefert. Haben Sie alle etwas gemeinsam? Und wieviele werden am Ende übrigbleiben?
Identität
USA 2003 |
| Veröffentlichung: 23.3.2004 |
| Regie: James Mangold |
| mit: John Cusack, Ray Liotta, Amanda Peet,
Clea DuVall, Rebecca de Mornay u.a. |
| "Nochmal"-Faktor: mittel |
| Unsere Wertung: 85% |
| FSK: ab 16 |
| Laufzeit: ca. 88 Min. |
| Sprachen und Tonformate: deutsch und englisch jeweils Dolby Digital 5.1 |
| Bildformat: 2,4:1 (16:9 Widescreen) mit
sehr guter Qualität |
| Untertitel: deutsch, englisch, türkisch |
| Extras: Trailer, Komplette Kommentar-Audiospuren Regisseur + Autor, Making of, 4 Deleted Scenes, 3 Drehbuchbeispiele, 5 Filmografien |
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Klingt nach "Psycho meets Die 10 kleinen Negerlein"? Ist es auch. Der
Film startet übrigens garnicht im Motel, sondern bei Psychiater Dr. Malick (Alfred Molina aus Grabgeflüster), der sich auf die letzte Verhandlung gegen seinen Patienten Malcolm Rivers vorbereitet. Er hört sich
ein Tonband von einem der letzten Gespräche mit dem furchterregenden Serienkiller an. Dieser soll noch in der Nacht zu einem letzten Hearing mit dem Bezirksstaatsanwalt vor der Exekution gebracht werden. Schnitt.
Erst jetzt die Motel-Story. George (1) (John C. McGinley) und seine blutende
Frau (2) sind Opfer einer Reifenpanne geworden, verursacht durch einen aus einem alten Cabrio gefallenen Schuh der Hure Paris (3) (Amanda Peet, "Boston Streets" [1]). Es ist Nacht, es regnet wie gesagt sintflutartig und so übersieht der Chauffeur Ed (4) (John Cusack, "War Inc." [2], "High Fidelity", "Con Air", "Being John Malkovich") im Zank mit der Schauspielerinnen-Zicke Caroline Suzanne (5) (Rebecca de Mornay aus Die drei Musketiere und Die Hand an der Wiege) die neben dem Pannenwagen stehende Mama. Wir sehen dies alles aus mehreren Perspektiven, z.B. aus der des kleinen Sohnes, der aus dem Fenster schaut, wo ohne jede Vorwarnung
die Mama plötzlich durch die Luft geschleudert wird. Sehr virtuos inszeniert Regisseur James Mangold (Cop Land, Girl, Interrupted) diese Anfangssequenzen als perfektes Spiel mit den Zeitebenen. Immer einen Schritt vor und zwei zurück.
Auch Paris kommt nicht weiter, der Regen hat die Straße überflutet.
Auf dem Rückweg zum Motel macht auch noch die Karre schlapp. Alle Handys funktionieren nicht mehr wegen des starken Regens. Ed will per Auto Hilfe für die verletzte Frau holen und trifft auf dem Weg auf Paris. Er lädt sie ein, sie rät ihm, nicht weiter zu fahren, er hört nicht auf sie und fährt den Wagen voll in die Überschwemmungsrinne. Noch sind keine 10
Minuten vergangen.
Gut, dass noch ein Paar des Wegs kommt: Ginny (6) (Clea DuVall aus The Faculty, Girl, Interrupted, Ghosts of Mars) und Lou (7) (William Lee Scott). Lou
ist scharf auf Paris, also nehmen sie Ed und Paris mit zurück zum Motel, wo der wenig vertrauenerweckende Portier - nein, nicht Norman Bates sondern Larry (8) (John Hawkes) wartet. Kurze Zeit später kommen dort auch noch der Polizist Rhodes (9) (Ray Liotta (Goodfellas, Cop Land, Hannibal, Blow)) mit dem zu überführenden Serienkiller Robert Maine (10) (Jake Busey) in Handschellen an. Doch auch vom Polizeiwagen aus kann keine Hilfe geholt werden.
Wem das jetzt alles zu unrealistisch erscheint (wann regnet es schon mal in Nevada?), der sei gewarnt: Das sind keine Fehler im Skript. Vergesst den Psychiater vom Anfang nicht und den bis hier noch völlig unerklärlichen Titel Identität! So kann Ed die Verletzte mit ein paar Stichen nähen, obwohl er es noch nie zuvor getan hat. Caroline Suzanne hat plötzlich doch Empfang mit ihrem Handy, läuft aus ihrem Zimmer, immer weiter, und - wird erschlagen. Ed findet ihren Kopf bollernd
in einer Waschmaschine. Der Verdacht fällt auf Maine, doch der war ja angekettet. War! Er hat sich losgerissen, alle geraten in Panik, Verzweiflung. Aber wir haben ja 2 Polizisten da, die werden das schon richten, oder?
Lange Zeit macht der Film so weiter: Als spannender, kleiner, klassischer Thriller. Caroline Suzanne wird nicht die letzte Tote bleiben. Die 9 verbliebenen Protagonisten offenbaren nach und nach ihre kleinen Geheimnisse. Jeder hat seine ganz persönliche Leiche im Küh... äh, im Keller. Es mangelt nicht an Überraschungen und es ist keiner der, der er
zu sein scheint. Aber alle haben eines gemeinsam. Wieviele der 10 Sünderlein werden wohl am Ende übrig bleiben? Welcher Serienkiller wird schließlich noch zu seinem Hearing kommen? Und könnte der Film nicht auch "Being John Cusack" heißen?
Ihr merkt schon, ich rede nur noch in Rätseln. Aber seid versichert, der
Film schafft es, einen noch nie gesehenen Twist in die klassische Psychothriller-Story zu bringen und wird so ganz groß für einen so kleinen Film. Für meinen Geschmack einer der ganz wenigen würdigen Psycho-Nachfolger.
Produzentin des Films war die Ehefrau des Regisseurs: Cathy Konrad, die auch schon für Scream 1-3 verantwortlich zeichnete. Und im Vergleich mit Scream kann ich auch verdeutlichen, warum der Film dann doch keine 100% bekommt. Scream ist intellektuell viel anspruchsloseres
Popcorn-Kino, aber stellenweise spannend wie Sch.... Identität ist
ein viel bewundernswerteres Gesamtkonstrukt. Aber gerade deshalb stellt sich die Spannung nicht ganz so schön ein, wie ich es bei diesem Plot und diesen Schauspielern in Vorfreude erwartet hatte. Ein bisschen zu viel Überraschung und lange Zeit nicht ganz ausreichende Informationen für den Zuschauer zum Mitdenken, also zu wenig suspense.
Macht aber nichts. Die Extras sind gut und umfangreich. Es gibt Kommentare von
Regisseur und Autor jeweils zum ganzen Film, ein 14-minütiges Making of,
4 rausgeschnittene Szenen (hauptsächlich Humoriges, das den Spannungsbogen unterbrochen hätte) und 3 Drehbuchbeispiele. Dort fällt auf, dass sich beim Dreh gegenüber dem Buch doch noch eine ganze Menge verändert hat - eben doch nicht ganz der alte Hitchcock. Die Filmografien sind nur Texttafeln. Der ganze Film kann sowohl in der Original-Kinofassung als auch in einer um 2 Minuten längeren Fassung betrachtet werden. Für letztere wurde allerdings nicht mehr deutsch nachsynchronisiert, so dass die zusätzlichen
Szenen in der deutschen Fassung in englisch mit Untertiteln laufen.
Alles in allem also eine wirklich runde Sache, die euch am Ende ziemlich überraschen wird. Denn es sind doch nicht nur 10 kleine Sünderlein.(pk [3])
1966, 842
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