Meine große italienische Hochzeit
Wohl kaum ein deutschsprachiges Buch hat das Miteinander von Deutschen und Migranten unverblümt ehrlicher und amüsanter porträtiert als Jan Weilers biografisch eingefärbtes gleichnamiges Bestseller-Buch. Doch eines muss man vorwegnehmen, um den Film fair würdigen zu können. Da das Buch eher aus einer Auflistung von Einzelepisoden besteht, benötigte man einen roten Faden, den Weiler als Drehbuch-Co-Autor gleich mitlieferte: Eben der Hochzeit, bei der die unterschiedlichen Kulturen im Süden Italiens aufeinander prallen. Somit wird also einiges anders als im Buch erzählt. Literatur-Puristen wird es ärgern - wirkliche Fans und "Nichtleser" weniger, da die Handlung dadurch an Dynamik gewinnt.
Maria, ihm schmeckt's nicht!
Deutschland - 2009 |
| Veröffentlichung: 14.01.10 |
| Regie: Leene Neala Vollmar
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| Darsteller: Christian Ulmen, Lino Banfi, Minda Tander, Maren Kroymann, Gundi Ellert, Peter Prager, Lucia Guzzardi, Leonardo Nigro u.a. |
| "Nochmal"-Faktor: sehr hoch
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| Unsere Wertung: 96% |
| FSK: 0 |
| Laufzeit: 94 min |
| Sprachen und Tonformate: Deutsch / (Italienisch) Dolby Digital 5.1 / DTS |
| Bildformat: 16:9, 1,85:1 |
| Untertitel: Deutsch |
Extras:
• Making of (ca. 5 min)
• Interviews (15 min)
• Deleted Scenes (6:15)
• Einspielen der Filmmusik mit Niki Reiser im Basler Studio
• Musikvideo Sportfreunde Stiller (3:30)
• Lino Banfi & Cristian Ulmen am Set (6:00 / 3:30)
• Am Set - zwei Sprachen, ein Film (4:30)
• Jan Weiler über sein Buch und den Film (5:30)
• Trailershow
• Darsteller-Info
• Original-Trailer präsentiert von "Aufsager" 'Uwe Wöllner'
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Ein weißer VW Kharman-Ghia mit Jan (Christian Ulmen, "Verschwende deine Jugend" [1], "FC Venus" [2], "Elementarteilchen" [3]) rast wie auf der Flucht durch die karg malerische Landschaft Apuliens - auf der Flucht vor der eigenen Hochzeit, der erdrückenden italienischen Verwandtschaft und vor allen Dingen vor der eigenen Courage. Normalerweise sehen wir derartige Szenen in den letzten 10 Minuten der üblichen Romantik-Hochzeitsfilmkomödien. Doch Jan blickt zurück, wie er an diesem Punkt angelangt ist...
Als er vor kurzem mit seiner deutschen Freundin Sarah (Nina Tander, "Wir sind das Volk - Liebe kennt keine Grenzen"), mit italienischer Abstammung erstmals deren Eltern in Krefeld kennenlernen sollte, hatten beide einander auf der Hinfahrt einen eher unromantischen, holprigen, aber nichtsdestoweniger ehrlichen Heiratsantrag gemacht. Folglich hatte er nun nicht nur die peinliche Aktion des Kennenlernens seines zukünftigen italienischen Schwiegervaters vor sich - sondern ebenfalls des "um die Hand der Tocher Anhaltens". Er stellt sich Antonio Marcipane (Lino Banfi, "Der Held aus Apulien") vor wie eine Mischung aus dem Paten, Robert de Niro und einem Giftzwerg.
Und tatsächlich hat der äußerlich eher unscheinbare (klein, untersetzt, kräftig, dicke Plautze, Stirnglatze und Schnurrbart) Antonio von allem etwas in seinem Charakter, er ist "casinista", der "Patron", der entsetzt ist von der Idee, dass dieser unbeholfene, verklemmte, aber eben ehrlich-verliebte Jan ihm seine "geliebte Schnucke" wegnimmt. Beim ebenfalls Kulturclash-Kennenlernen mit Jans italophilen Kulturbürger-Eltern (Gundi Ellert, Peter Prager) in Düsseldorf, "kilometermäßig recht nah bei Krefeld, kulturell Lichtjahre davon entfernt", verkündet Antonio den Beschluss: "Gianni" und Sarah müssen "an schönste Platz der Welt" heiraten: Campobello.
Folglich reist der ganze Tross im typisch langsamen Marcipane-Tempo nach Italien, wo Jan klischeehaft herzlich in den großen Familienclan aufgenommen wird. Dank seiner Meerestierallergie muss er bei den kulinarischen Verlockungen der hiesigen Küche extrem wachsam sein und der Fürsorge von der Nonna Anna (Lucia Guzzardi, "Rosanna's Letzter Wille") entgehen, die den blassen "Gianni" allzu gern "aufpäppeln" möchte. "Was heißt auf Italienisch, 'ich bin satt!'?", wendet er sich hilfesuchend an Sarah. "Das Wort gibt es im Italienischen nicht", antwortet sie ihm ratlos. Daraufhin spricht die Oma die berühmten Worte: "Maria, ihm schmeckt's nicht!" [4]
Ja, so ein Familienclan ist erdrückend, sei es auf dem logistisch aufwändigen Ausflug zum Meer, oder jeder anderen sozialen Aktivität. Da er ohnehin die zwei Wochen vor der Hochzeit allein in einem gruftmäßigen Bett schlafen soll, das ihn aufgrund seiner grenzenlosen Weichheit zu verschlingen droht (ein erstes Lob an die Ausstattung!) schläft er auf einem riesigen, aufblasbaren Krokodil, was seinem Rücken selbstverständlich nicht bekommt und fragt eines Tages enerviert Sarah: "Gibt es dich eigentlich nur im Familienpack?"
Darüber hinaus zermürbt ihn das ewige "Domani, Domani", wenn es um das Aufgebot geht, was bald zum bürokratischen Fiasko wird. Denn wie sich herausstellt, hat sich Antonio niemals in seine Heimat abgemeldet, gilt hier immer noch als ledig (großes Ärgernis für seine Frau Ursula!) und Sarah überhaupt nicht als existent... Ein paar Gründe mehr, den Glauben an ein glückliches Familienleben zu verlieren. Zumal im Sommer und zu Weihnachten jeweil der längere Aufenthalt in Campobello droht. Doch je mehr Antonio sich ihm öffnet und von seinem eigenen Problemen als junger Gastarbeiter (nun: Leonardo Nigro, "Im Namen des Gesetzes" [5]) in "Germania" erzählt, aus der seine große Liebe "Urschula" (Maren Kroymann, "Mein Leben & ich" [6], "Die Welle") ihn in glücklichere Gefilde führte, als er erkannt hatte, "dass die größte Freiheit eines Menschen im Kopf herrsche", da könnte es doch der Beginn einer wundervollen Freundschaft werden...
All jene, die befürchtet haben, dass die Geschichte durch diese Umformung ihren eigentlichen Gehalt verliert, können beruhigt sein. Gerade in den Rückblenden auf Antonios Vergangenheit wird dessen Haltung und die Migrationsgeschichte mit all ihren ambivalenten Problemen verdeutlicht. Ulmen ist ebenso ein Glücksfall für den Film wie der italienische Star Banfi. Denn Ulmen spielt die Unsicherheit und Hilflosigkeit - wie ihm Weiler breit grinsend bescheinigt - so echt und glaubhaft wie Banfi den kleinen Familienpatriarchen verkörpert.
Dabei kann der Charakterdarsteller überhaupt kein Deutsch und sprach seine Texte nur dank einer von Imogen Kusch (in Italien geborene deutsche Theaterregisseurin) entwickelten Lautsprache im "Antonio"-Slang, den Weiler selbst ja schon im Buch und durch seine von ihm selbst eloquent gelesenen Hörbücher vorgegeben hat. Überhaupt hat das Casting und auch die Set-Abteilung großartiges geleistet. Egal ob es um das heimische Wohnzimmer in Krefeld oder das des Clans in Campobello und all jene skurrilen Typen geht - (fast) alles sieht so aus, wie man es sich vorgestellt hat.
Das Wagnis einer deutsch-italienischen Coproduktion ist aufgegangen; dank Regisseurin Neele Leana Vollmar ("Urlaub vom Leben"), die extra dafür Italienisch lernte, und eines Hauptdarstellers, der im Glauben zusagte, dass der Film in seiner Muttersprache gedreht wurde. Die Extras sind sehr umfangreich, amüsant bis ehrlich, die entfallenen Szenen hätten durchaus ihren Platz im Film verdient und das Feature über die Aufnahmen der guten Filmmusik Niki Reiser ("Jenseits der Stille") im interessanten Basler Studio war etwas unerwartet Originelles. Dass ich selbst das in einem gräßlich "Ditalienisch" gesungene Abspannlied der Sportfreunde Stiller überflüssig empfand und ein Audiokommentar das Ganze noch abgerundet hätte, ist weniger wichtig.
Fazit:
Eine gute Buchverfilmung mit akzeptierbarer Umformung der Handlung, eine subtile romantische Komödie über deutsch-italienische Verwirrrungen und das Familienleben sowie eine unfreiwillige Männerfreundschaft. Zwar versucht man am Ende etwas unnötig Spannung aufzubauen, aber das Gesamtprojekt ist überaus spaßig und gelungen. Wie Antonio in Deutschland über die typisch deutschen Unarten schimpft, um sie angesicht der italienischen Missstände hochleben zu lassen, muss man sich unbedingt ansehen! (kh [7])
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Oder das von Jan Weiler selbst gesprochene Hörbuch bei amazon.de [10] kaufen?
Den Soundtrack findet man ebenfalls bei amazon.de [11].
1177, 1138, 918, 745, 809, 607, 497, 61
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