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The Weather Man

Beiträge / Drama
geschrieben von klaus_h am 24.08.2006, 00:00 Uhr

Der Apfel fällt doch weit vom Stamm ...

The Weatherman-Cover Selbstfindungsdramen kennt man seit "American Beauty" und "About Schmitz" einige. Wenn ironisch der Focus auf eine Identifikationsfigur am Wendpunkt ihre Lebens gerichtet wird, dann sind gleichermaßen Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor gefragt, um das Publikum bei der Stange zu halten. Nicolas Cage ("Lord of War" [1]) als selbstzweiflerischer Mann vom Wetter und Michael Caine ("Genie & Schnauze" [2]) in der Rolle des unerreichbaren Übervaters sind sicherlich erste Wahl. Was verblüfft, ist die Tatsache, dass sich hier mit Regisseur Gore Verbinski ("Fluch der Karibik" [3]) jemand offensichtlich dringend benötigten Urlaub vom Actionfach genommen hat.

The Weather Man
USA - 2005
Veröffentlichung: 03.08.06
Regie: Gore Verbinski
Darsteller: Nicolas Cage, Michael Caine, Hope Davis, Gil Bellows, Nicolas Hout, u.a.
"Nochmal"-Faktor: hoch, Top-Darstellerleistung u. originelles Drehbuch
Unsere Wertung: 91%
FSK: ab 6
Laufzeit: 98 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch, Englisch, Türkisch: Dolby Digital 5.1
Bildformat: 1,78:1 (16:9 anamorph)
Untertitel: Englisch, Deutsch, Niederländisch, Türkisch
Extras: • Erweiterter Ausblick: Das Drehbuch
• Vorhersage: Wie man Wetterfrosch wird
• Atmospärischer Druck: Der Stil
• Relative Luffeuchtigkeit: Die Charaktere
• Der Passatwind: Die Zusammenarbeit
• Original Kinotrailer
Zu Beginn des Films sieht man David Spritz (Cage, "Adaption" [4], "Das Vermächtnis der Tempelritter" [5], "Ghost Rider" [6], "Knowing" [7]) in seiner Wolkenkratzer-Suite über den Schluchten Chicagos gleichsam sein Tai-Chi des Wettermanns machen: Kurze und dennoch gleitende Bewegungen, die vor dem Greenscreen des Studios den Eindruck erwecken sollen, dass auch er die Wetterkarte vor sich sieht. Spritz könnte mit seinem Leben zufrieden sein. Obwohl er noch nicht einmal einen Abschluss in Meterologie besitzt, kassiert er für gerade einmal zwei Stunden Arbeit am Tag ein hohes fünfstelliges Gehalt. Als Kandidat für "Hello, America", der bekanntesten Morning-Show aus New York, könnte ihm bald die Million winken.

Beispiel Doch Dave, der nur vor dem Greenscreen zum charmanten, eloquenten Star mutiert, empfindet sich sowohl im Berufs- als auch Privatleben als kompletten Versager, tritt laufend ins Fettnäpfchen und läuft mit Leichenbittermine durch den Alltag. Seine Ehe ist gescheitert, die Kinder komplett verkorkst und seinem übermächtigen Vater, dem Pulitzer-Preisträger Robert Spritzle (Caine, "Das Mädchen aus der Cherry-Bar" [8], "Der stille Amerikaner" [9]), wird er wohl nie gerecht werden. Dabei verkennt er tragischerweise, dass dieser ihn wirklich liebt und seine letzte Botschaft, da Robert ernsthaft an Lymphknotenkrebs erkrankt ist, ihm den Ausweg aus seiner Lebenskrise erlauben kann. Zu allem Überfluss bewerfen ihn wildfremde Leute ständig mit Fastfood, da sie ihn für das schreckliche Wetter verantwortlich machen. Kein Wunder in Windy-City, das ständig von Kaltfronten der Großen Seen bedroht wird.

Doch gerade, als David den besseren Zugang zu seiner übergewichtigen Tochter bekommt, scheint sein Leben endgültig den Bach herunterzugehen. Sein Sohn wird von dessen Drogenberater beschuldigt, ihn bestehlen zu wollen. Allerdings handelt es sich bei diesem um einen Päderasten (Gil Bellows - "Ally McBeal"), der das Vertrauen des naiven Jungen immer stärker ausnutzte. Erst durch die zunächst nebensächliche Beschäftigung mit dem Bogenschießen erschließt sich David eine neue Welt, in der er erkennen wird, was für ihn und seine Familie das Richtige sein kann.

Beispiel Dank des hervorragenden Drehbuchs von Steven Conrad, der dabei sowohl eigene (die grandiose "Remouladen"-Szene) Erfahrungen als auch die seiner Freunde ("Therapie"-Ehrlichkeit) verarbeitet hat, umschifft der Film mittels guter Dialoge und tragischer Situationskomik alle Klippen der üblichen Hollywood-Klischees. Verbinski und das Team nennen ihren Film bezeichnenderweise während der Interviews bei den Extras übereinstimmend "mutig". Und zwar nur deshalb, weil er weder dem üblichen "love interest" gerecht wird noch dem Helden ein komplettes Happy End bescheren kann.

Insofern besitzt der Film sogar eine größere inhaltliche Konsequenz: Denn anders als in "American Beauty" kapituliert der Antiheld nicht vor seiner Umwelt, um sich in Tagträumereien zu verlieren, und stellt sich seiner Berufung. Dabei sind es gerade die sehr intensiven Szenen zwischen Caine und Cage, die in manchen Einstellungen (man beachte die in Grundzügen sehr ähnlichen Gesichter) wirklich wie Vater und Sohn aussehen. Caine spielt großartig auf, wenn er in einem Atemzug autoritäre Härte und gütige Zuneigung verkörpert, der seinem Sohn letztlich nicht den Weg aber zumindest den Zug von Selbstachtung vorschreiben möchte.

Beispiel Bei den guten Kinderdarstellern überzeugt erneut Nicolaus Hout, den wir noch aus "About a Boy" kennen. Ein guter Einfall des Castings, ihn hier wieder einmal einen Jugendlichen spielen zu lassen, der die Freundschaft zu einem diesmal gefährlichen Erwachsenen sucht. Dass dieser Päderast ausgerechnet von "Billy" aus "Ally McBeal", Gil Bellows, verkörpert wird, der dem Fiesling gleichermaßen tragische (das begierige Zittern) wie dämonische Züge verleiht, ist ebenso gut getroffen.

Bild und Ton entsprechen den hohen Anforderungen, die man an derartige Produktionen stellen darf. Die Filmmusik von Hans Zimmer zeigt, dass dieser sich nach einigen durchschnittlichen Scores ("King Arthur" [10]), in denen er sich allzu oft selbst zitierte, wieder neuen, besseren Themen zuwendet. Verbinski erweist sich in den ausführlichen Extras als humorvoller Impressario des Films. "Niemand anderes als der Regisseur darf natürlich den Hauptdarsteller mit Fastfood bewerfen. Drei Einstellungen müssen es aber sein! Am meisten Spaß machte es mir mit Chicken McNuggetts,." berichtet er mit breitem Grinsen angesichts der Szenen vom Dreh.

In einem Punkt will ich ehrlich sein. Angesichts der vielen McDoof-Signets im Bildhintergrund dachte ich zuerst an ein gigantisches Product Placement. Als aber im Verlauf des Films wirklich fast alle Produkte und Logos aller Fast-Food-Giganten zu sehen waren, konnte dies nicht mehr möglich sein. Erst als Dave die Erkenntnis kommt, dass ihn die Leute wahrscheinlich nur deswegen mit Essen bewerfen, dass zwar ganz o.k, aber auch nicht wirklich lecker sei, sodass man es ruhig wegwerfen könne und er mit seinem Wetterbericht schließlich auch nur "Fastfood" verkörpere, war ich beruhigt.

BeispielAlles in allem ein guter Film, der ein paar logische Irritationen besitzt, wie z.B. die nicht einmal als Sprechrolle in Erscheinung tretende Mutter des Helden. Außerdem hätte er ruhig mit einem Audiokommentar ausgestattet hätte sein. Einige Szenen gebührt ein Platz im Filmolymp. Die Remouladen-Sequenz (kann man leider hier nicht wiedergeben) ist z.B. brilliant in ihrer Demaskierung der angeblichen Denkweise von Männern. Doch lassen wir Caine das Schlusswort: "Junge, es ist ein Scheissleben. Für alle! Aber wir haben alle nur dieses eine auf dieser Welt. Ständig üben, um besser in seinen Dingen zu werden, nicht anderes habe ich auch getan". (kh [11])


987, 929, 913, 718

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