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Romantisch
 Paris je t'aime
geschrieben von klaus_h am 29. Jul 2010

Eine Stadt, eine Leidenschaft, eine Sprache: Liebe

Umschlag-Cover Als ich kürzlich den Episodenfilm "New York, I love you" besprechen durfte, hatte ich den Vorteil seinen Vorgänger "Paris je t'aime" quasi parallel zu sehen. Obwohl er bereits vor einiger Zeit erschienen ist, lohnt der Rückblick mit Sicherheit. Denn hier geht das ursprüngliche Konzept, wie der Untertitel verrät, noch deutlicher auf.

Paris je t'aime
Frankreich - 2007
Veröffentlichung: 2007
Regie: Bruno Podalydés, Gurinder Chadha, Gus Van Sant, Joel & Ethan Coen, Walter Salles, Daniela Thomas, Christopher Doyle, Isabel Coixet, Nobuhira Suwa, Sylvain Chomet, Alfonso Guarón, Olivier Assayas, Olivier Schmitz, Richard LaGravenese, Vincenzo Natali, Wes Craven, Tom Tywker, Fréderic Auburtin, Gérad Depardieu, Alexander Payne
Darsteller: Florence Muller, Bruno Podalydés, Leila Bkehti, Cyril Descours, Marianne Faithful, Elias McConnell, Steve Busecmi, Julie Bataillie, Axel Kiener, Catalina Sandino Moreno, Xi Lin, Barbet Schroeder, Miranda Richardson, Sergio Castellitto, Juliette Binoche, Willem Dafoe, Hippolyte Giradot, Paul Putner, Yolande Moreau, Nick Nolte, Ludovine Sagnier, Maggie Gyllenhaal, Aissa Maiga, Seydou Boro, Fanny Ardant, Bob Hoskins, Elijah Wood, Olga Kurylenko, Emily Mortimer, Rufus Sewell, Natalie Portman, Melchior Beston, Gena Rowlands, Ben Gazzara, Gérad Depardieu, Margo Martindale u.a.
"Nochmal"-Faktor: sehr hoch
Unsere Wertung: 97 %
FSK: 6
Laufzeit: 114 min
Sprachen und Tonformate: Deutsch / Originalfassung (englisch/französisch) Dolby Digital 5.1
Bildformat: 16:9, 1,85:1
Untertitel: Deutsch, Französisch
Extras: • Making of
• Deleted Scenes
• Animierter Kurzfilm von Vincenzo Natali
• Animiertes Stoyboard
• Kinotrailer
• Bildergalerie
"21 Regisseure, 34 Schauspieler, 1 Stadt, 2 Millionen Herzen, 18 Liebesgeschichten, 1 Film", so wirbt die DVD auf ihrer rückseitigen Bannerbanderole. Darüber hinaus ist die Liebeserklärung der Bewohner und Besucher sowie der jeweiligen Filmschaffenden an jene Metropole, die nun einmal als "die" Stadt der Liebe gilt. Da man auch geschickt die Charakterisca der Quartiers bzw. Arrondissements zu vermitteln wusste, ist das Gesamtporträt sogar gelungener als das des Nachfolgers "New York, I love you". Und wenn in den Überleitungen Panoramaansichten Paris' geboten werden, so ist selbst dieser Kunstgriff gefälliger.

Beispiel Einem gerade am # 1"Montmatre (Regie: Bruno Podalydés, "Das Geheimnis des gelben Zimmers") glücklich einen Parkplatz ergatternden Mann (ebenfalls Podalydés), der über sein einsames Leben bilanziert, wird von übereifrigen Passanten eine Frau (Florence Muller), nach einem Schwächeanfall in den Wagen gelegt, da sie annehmen, es wäre seine Gattin. Wie sich aus ihrem Schutzsuchen und seinem zaghaften Anbieten des Schutzes Zuneigung entwickelt, ist die einleitende Geschichte dieses Filmes.

Beispiel In # 2 "Quais de Seine" (Regie: Gurinder Chada, "Kick it like Beckham", "Liebe lieber indisch") entwickelt sich zwischen dem halbwüchsigen Burschen (Cyril Descours), der zuvor die vorbeigehenden jungen Frauen plump anmachte, und der jungen Muslima (Leila Bekhti) aufgrund seiner latenten Hilfsbereitschaft eine zarte und glaubensüberschreitende Romanze. Etwas konstruiert, aber dennoch geschickt und taktsicher umgesetzt. # 03 "Le Marai" (Regie: Gus Van Sant, "Elephant") zeigt eine sprachbarrienübergreifende Annäherung zweier homosexueller Männer (u.a. Elias McConnell) im Künstlermilieu. Insgesamt die schwächste Episode, in der Marianne Faithful ("Irena Palm") nur eine verzichtbare Nebenrolle hat.

Dank Joel & Ethan Coen ("No Country for Old Man") und dem wie immer großartigen Steve Buscemi ("Fargo", "Reservoir Dogs") wird in # 4 "Tuileries" erlebt man in einer schrägen wie komischen Episode den US-amerikanischen Touristenalbtraum, der ausschließlich in der U-Bahnstation spielt. Wie ein chronisch exhibitionistisches Pärchen sich am verklemmten Touristen auslebt, ist einfach nur groteske Klischee-Parodie. Der stets sozialkritische Walter Salles ("Hinter der Sonne", "Dark Water", "The Motorcycle Diaries") thematisiert fast wortlos aber doppelt stilsicher in # 5 "Loin du 16ème" das Dilemma der Latina-Nanny (Catalina Sandino Moreno, "Journey to the End of the Night", "Fast Food Nation", "Der Erde so nah"), die ihr eigenes Baby in der Tagesstätte abgeben muss, um bei den Reichen ein fremdes Kind beruhigen zu müssen. In meinen Augen die formal perfekteste Umsetzung des Kurzfilmkonzepts - nur verliert sich hier die Liebeserklärung an Paris.

Beispiel Die zweitschwächste Episode # "Porte de Choisy" (Christopher Doyle, "Hero", "2046", "Perhaps Love") erzählt ein postmodernes Märchen zwischen dem alternden Friseurartikelvertreter (Barbet Schroeder, "Die Affäre der Sunny von B.", "Desperate Measures") und der Kung-Fu-Friseurin (Li Xin), indem verquast Modeelemete integriert werden. Optisch ein wenig an die "Frauen von Rochefort" erinnernd ist die Episode letztlich belanglos. Ganz anders die tragische Romanze "# 7 Bastille" (Isabel Coixet, "Mein Leben ohne mich") zwischen der krebskranken Ehefrau (Miranda Richardson, "Das Phantom der Oper") und dem sich eigentlich von ihr trennenden Ehemann (Sergio Castellitto), der sich über die Pflege seiner Frau erneut in sie verliebt und den späteren Verlust kaum mehr verschmerzen kann.

Zu den Dramen gehört auch die nächste Folge, "# 8 Place des Victoires" (Nobuhira Suwa), in der eine Frau (Juliette Binoche, "So ist Paris", "Chocolat") nach dem frühen Tod ihres Sohns nicht mehr loslassen kann und erst durch die phantastische Begegnung mit dem Tod, der sie aufgrund der Vorlieben ihres Sohnes als wortkarger Cowboy (Willem Dafoe, "American Dreamz", "Zurück im Sommer") auf dem namensgebenden Platz wieder ins Leben zurückführt und zu ihrem Mann (Hippolyte Giradot, "Toxic Affair", "Modigliani") zurückkehrt. Eine einfühlsame Parabel über die Trauer und das Leben.

Beispiel Meine persönliche Lieblingsepisode hat Sylvain Chomet ("Das große Rennen von Belleville") mit der zauberhaften # "9 Tour Eiffel" inszeniert: ein kleiner Junge mit riesigem Tornister erzählt vor dem Eiffelturm einer Dokumentarfilmerin davon wie sich seine Eltern im Gefängnis kennenlernten: beide sind Pantomimen, bei denen selbst im alltäglichen Leben aber auch wirklich alles in Pantomimenart abläuft! Wie sie damit ihre Umgebung zur Weißglut bringen und letztlich zu einanderfinden, ist ein filmisches Märchen geworden, das auch Jean-Pierre Jeunet ("Die Stadt der verlorenen Kinder") und Marcel Marceau gut gefallen könnte.

Alfonso Cuarón überrascht in # 10 "Parc Monceau" mit einer rollenverschiebenden Liebesgeschichte über drei Generationen und einer Absage an das selbstverliebte Bohemianleben amerikanischer Künstler, in denen Nick Nolte ("The Good Thief") gleich mehrmals überraschen dürfte. Ludivine Sagnier ("Swimming Pool") hätte ich allerdingst fast nicht erkannt. Eine Geschichte, die meisten durch ihren originellen Blickwinkel gewinnt. Im # 11 "Quartier des Enfants Rouges" (Regie: Olivier Assayas) denkt eine überspannte amerikanische Schauspielerin (Maggie Gyllenhall) vergeblich, dass ihr Dealer mehr als nur "berufliches" Interesse an ihr haben könnte. Diese Folge war insofern eine positive Überraschung, weil Gyllenhall mich zum erstem mal schauspielerisch überzeugen konnte.

Beispiel Olivier Schmitz hat mit # 12 "Place des Fêtes" die tieftraurige Liebesgeschichte eines schwarzafrikanischen Garagenwärters und Straßenmusikers (Seydou Boro) zu einer ebenfalls farbigen Sanitäterin (Aissa Maiga) ins Bild gefangen. Die Tragik, dass ausgerechnet sie den nach einer Messerstecherei tödlich Verletzten behandelt und ihm damit Gelegenheit gibt, in seinen letzten Momenten glücklich mit ihr zu flirten, bricht einem nahezu das Herz. Dagegen ist die nächste Geschichte über ein alterndes Schauspielerehepaar, das von Fanny Ardant und Bob Hoskins ("Vanity Fair", "Beyond the Sea") gespielt wird, # 13 "Pigalle" eher langweilig, schwatzhaft und um Originalität bemüht. Der für das Drehbuch und die Regie verantwortliche Richard LaGravenese hat meiner Meinung nach damit das Können zweier großartige Schauspieler vergeudet.

Optisch und thematisch fällt das kleine Vampir-Gruselmärchen Vincenzo Natalis ("Cube", # 14 "Quartier de la Madeleine" etwas aus dem Rahmen. In der Comic-haften und Stummfilm-ähnlichen Handlung verfällt ein amerikanischer Rucksacktourist (Elijah Wood, "Hooligans", "Sin City") der betörend schönen Vampirin (Olga Kurylenko), die sein Liebesopfer zunächst ablehnt. Doch nach seinem ungeschickten Unfalltod verleiht sie ihm ewiges Leben. Amüsanterweise verrät Natali, dass er Woods übergroße Augen als den besten Effekt in "Herr der Ringe" missverstanden habe - umso schöner kann er "Glubschis" Schweinwerfer nun als klassischen Horroaufmacher verwenden.

Beispiel Ausgerechnet Wes Craven ("American Nightmare") offenbart in # 15 "Père Lachaise" keine zu erwartende Horrornummer sondern eine subtile Scheidewegparabel zwischen einem jungen englischen Paar, indem sie (Emily Mortimer, "Last of the High Kings", "Inspector Barnaby") ihn (Rufus Sewell, "Der Illusionist", "Die Legende des Zorro") angesichts des Grabes und des Humors Oscar Wild vor die alles entscheidende Herausforderung stelle: Wenn er sie fortan nicht zu lachen bringen könne, hätte ihre Liebe keine Chance mehr. Wie dann der Geist Wildes (Regisseurkollege Alexander Payne) zum rettenden Engel wird, hat Graven angenehm leicht eingefädelt.

Mit Tom Tykwer ("Das Parfüm", "The International") wirkte bei # 16 "Faubourg Saint Denis" auch ein deutschsprachiger Regisseur mit, der mit dem blinden Darsteller Melchior Beston und der auch bereits hier brillierenden Natalie Portman ("Garden State", "Goyas Geister", "Hautnah") eine gleichermaßen typisch französische wie tykwerische Liebesgeschichte zwischen einer jungenen amerikanischen Schauspielerin und einem blinden Studenten eingefangen hat, deren Zusammenkommen wie die (Spoiler!) vermeintliche Trennung den rein akustischen Ursprung ihrer Schauspielkunst hat.

Fréderic Auburtin & Gérad Depardieu ("Die Wasser der Hügel", "La Vie en Rose", "Dina - Meine Geschichte") hingegen beweisen mit # 17 "Quartier Latin", dem Ende einer großen Liebe zwischen zwei alternden (Selbst)-Darstellern (Gena Rowlands, Ben Gazzara), dass große Namen noch keine großen Szenen im Kleinen garantieren. Insgesamt schwatzhaft und aufgesetzt, wobei Depardieu sogar in seinem Cameo als Wirt noch die Dreistigkeit besitzt seinen beiden Gästen einen Wein seines eigenen (realen) Weinguts (s. "Mondovino") anzubieten! Rowlands hat auf jeden Fall im Gegensatz zu ihrer Tochter kein Geschick beim Drehbuchschreiben.

Beispiel Mit #18 "14ème Arrondissement" (Regie: Alexander Payne) schließt sich in einer wunderschönen Liebeserklärung der Kreis. Eine alternde Postbotin (Margo Martindale, "Dexter") erzählt ihrem Französischkurs aus dem Off (im Original Französisch mit wunderhübschen US-Akzent!) in den Staaten von ihrem erfüllten Lebenstraum, einer Reise nach Paris. Wie die bescheidene, naive und grundgute Frau bei ihrem touristischen Selbstfindungstripp trotz ihrer Einsamkeit herausfindet, dass nicht nur sie Paris, sondern die Stadt auch sie liebt, ist einfach berührend eingefangen worden. Dafür, dass Payne verspätet und als Letzter zum Projekt hinzustieß, hat er in meinen Augen eine perfekte Punktlandung abgeliefert.

Wunderschöne Bilder, mehrheitlich berührende Geschichten und der klare sowie glaubhafte Bezug zu Paris lässt das Original letztlich besser als das Sequel "New York, I love you" dastehen. Da kann man die drei weniger guten Episoden leicht verschmerzen, beweisen sie doch, dass bekannte Namen keine Erfolgsgarantie für für die vermeintlich "kleine Form" des Kurz- bzw. Episodenfilms sind. Das collagenhafte Making of offenbart interessante Details des Projekts und das animierte Storybook der Episode Natalis beweist eine extreme Parallelität zum Ergebnis. Der Zeichner dieses Storybooks ist bestimmt ein guter Comiczeichner.

Fazit:
Wer Paris liebt und glaubt, dass ihn Paris auch liebt, der sollte sich diese bereits 2007 erschienene DVD auf jeden Fall einmal zu Gemüte führen. Der Neuauflage von 2009 fehlen allerdings die Extras. (kh)



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